Genfrei essen

Die Verbraucher wollen es nicht, aber durch die Hintertür schleicht sich in die Ernährung immer mehr Gentechnik ein. Was dagegen zu tun ist. Von Andrea Tichy.

Man ist, was man isst: Diese altbekannte Lebensweisheit gilt für Menschen und Tiere gleichermaßen. Bei Bienen beispielsweise entscheidet die Nahrung darüber, ob aus einer Larve eine Königin wird oder eine Arbeiterin: Durch bestimmte Proteine im Futter werden die für die königliche Entwicklung maßgeblichen Gene angeschaltet. Dadurch leben Königinnen, obwohl sie mit dem gleichen Erbgut wie die Arbeiterinnen ausgestattet sind, zehnmal länger als die schlechter ernährten Normalbienen und legen obendrein 2.000 Eier täglich.
Die Nahrung der Bienen ist aber auch maßgeblich daran beteiligt, ob sie sich guter Gesundheit erfreuen oder elend zugrunde gehen. Beispiel Genmais: Untersuchungen mit „MON 810“ des amerikanischen Saatgut-Herstellers Monsanto haben ergeben, dass dieser gentechnisch veränderte Mais Bienen schädigen kann. Der so genannte Bt-Mais – er enthält Gene des Bakteriums Bacillus thuringiensis (BT) – kann ein Insektengift selbst produzieren und sich damit gegen einen gefürchteten Schädling namens Maiszünsler wehren. Doch das enthaltene Insektengift kann auch im Darm von Bienen tödliche Wirkung entfalten. Noch mehr: durch den Sammel-eifer der Bienen kann der Pollen von „MON 810“ in Honig gelangen. Mit möglicherweise fatalen Folgen für Mensch und Tier. Seit April 2009 ist der Anbau von „MON 810“ in Deutschland verboten. Umwelt-, Tier- und Menschenschützer waren gegen die umstrittene Genmais-Sorte Sturm gelaufen und hatten schließlich durch ihren Protest Agrarministerin Ilse Aigner von der Bedenklichkeit von „MON 810“ überzeugt.

Gentechnik über die Hintertür
Doch die Gefahr ist noch längst nicht gebannt. Denn in anderen Ländern wie den USA, Kanada, Argentinien, Brasilien, Indien und China werden gentechnisch veränderte Pflanzen (GVO-Pflanzen) in großem Stil angebaut. Mehr als 100 Millionen Hektar beträgt die weltweite Anbaufläche mit gen-veränderten Pflanzen. Auf indirektem Weg landen diese auch auf dem Teller der deutschen Verbraucher.

Risiko bei stark verarbeiteten Lebensmitteln
Zwar: Im Regal von Lebensmittelgeschäften werden Verbraucher hierzulande kaum Produkte finden, bei denen die Hersteller gentechnisch veränderte Organismen gezielt einsetzen. Die Kennzeichnungspflicht (siehe Kasten Seite 1) zeigt die Wirkung, dass sich Unternehmen, die für den europäischen Markt produzieren, dem Willen der Verbraucher beugen. Anders sieht es bei Produkten aus, die industriell stark verarbeitet sind. „Je stärker ein Produkt verarbeitet ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Bestandteile transgener Organismen enthalten sind“, informiert das Umweltinstitut München auf seiner Homepage. Gerade Produkte aus den USA oder Kanada können mit Verunreinigungen belastet sein. Beispiel Reis: 2006 waren in US-Reisbeständen Spuren der Gen-Maisvariation LL601 von Bayer gefunden worden. Der Skandal löste die größte Finanz- und Handelskrise in der Geschichte der US-Reisindustrie aus, denn kontaminierter Reis wurde in mindestens 30 Länder, darunter auch Länder der EU, exportiert. Als die Kontamination bekannt wurde, machten viele der Betroffenen ihre Märkte dicht und erließen ein Importverbot gegen US-Reis. Der dadurch entstandene Schaden wird auf 1,2 Milliarden US-Dollar geschätzt. Dieses und andere Beispiele für gentechnisch verunreinigte Lebensmittel sind auf der „Einkaufsnetz“-Homepage von Greenpeace (www.einkaufsnetz.de) nachzulesen.
Derzeit noch ungewiss ist, was gentechnische Veränderungen von Lebensmitteln im menschlichen Organismus bewirken. Bis vor kurzem gingen Wissenschaftler noch davon aus, dass fremde Gene während der Verdauung immer komplett zerlegt werden. Aber immer mehr Studien beweisen das Gegenteil. So haben beispielsweise Ernährungswissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena Bruchteile aus dem Erbgut von gentechnisch verändertem Mais in Organen und Muskelfleisch von Hähnchen nachgewiesen. Italienische Wissenschaftler fanden Bruchstücke des Erbguts von Bt-Mais im Blut und in verschiedenen Organen (Leber, Milz, Niere) von Schweinen.

Fleisch, Eier und Milch sind die größte Gefahrenquelle
Die größte Gefahrenquelle, sich über die Ernährung Gentechnik einzuverleiben, sind jedoch Fleisch, Eier und Milch. Denn Produkte von Tieren, die mit genmanipulierten Pflanzen gefüttert wurden, müssen in der EU nicht gekennzeichnet werden. „Diese Gesetzeslücke sichert der Gentechnikindustrie derzeit den jährlichen Import von rund 37 Millionen Tonnen zumeist genmanipulierter Sojabohnen oder von Sojaschrot in die EU“, beobachtet das Umweltinstitut München. Mehr als 80 Prozent davon landen im Futtertrog. Dieser Missstand hat mittlerweile prominente Mahner gefunden. So macht sich beispielsweise die Fernsehköchin Sarah Wiener gemeinsam mit dem BUND für Lebensmittel „ohne Gentechnik“ stark. Und seit Mai 2008 gibt es auch von gesetzlicher Seite die Möglichkeit, auf das Qualitätskriterium der Genfreiheit hinzuweisen. Die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ darf auf Milch- und Fleischprodukten und Eiern stehen, wenn sie von Tieren stammen, die mit gentechnikfreien Futterpflanzen gefüttert wurden.

„Ohne Gentechnik“: umstrittene Kennzeichnung
In Industrie und Handel wird über die Kennzeichnung „Ohne Gentechnik“ heftig gestritten. Denn in dem Moment, in dem „Ohne Gentechnik“ auf dem einem Produkt prangt, auf dem anderen aber nicht, müssen sie ihren Kunden unliebsame Fragen beantworten. Unternehmen wie Neuland, Lammsbräu oder die Upländer Bauernmolkerei nutzen bereits diese Chance, bei den Konsumenten für Klarheit zu sorgen. Der BUND lobt: „Bisher tappen Verbraucher bei konventionell erzeugten tierischen Produkten wie Milch, Fleisch und Eiern vollkommen im Dunkeln, ob die Tiere gentechnisch verändertes Futter bekommen haben oder nicht. Nur der Bauer weiß, was er verfüttert. Das ändert sich mit der neuen Kennzeichnung.“ Damit können die Verbraucher erstmals auch bei tierischen Produkten wählen, ob sie Gentechnik akzeptieren – und mit ihrer Entscheidung letztlich dem Anbau von genmanipulierten Pflanzen Einhalt gebieten.

  • Kennzeichnungspflicht
    Lebensmittel sind in der EU kennzeichnungspflichtig, wenn sie pro Inhaltsstoff „zufällige oder technisch unvermeidbare“ Spuren von mehr als 0,9 Prozent von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) enthalten. Werden GVO bewusst eingesetzt, muss grundsätzlich gekennzeichnet werden. Die Zutatenliste muss dann den Hinweis aufführen: „Enthält genetisch veränderte Organismen“ oder „Hergestellt aus genetisch verändertem…“ Produkte wie Fleisch, Milch oder Eier von Tieren, die mit genmanipulierten Pflanzen gefüttert wurden, müssen in der EU nicht gekennzeichnet werden.

Foto: Monika Frei-Herrmann

QC13E01, QC13E02


 Link http://umweltinstitut.org
 Link http://www.ig-fuer.de
 Link http://www.bauernmolkerei.de
 Link http://www.lammsbraeu.de
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