E-Bikes: Pilgern per Pedelec

Aufgrund seiner Schönheit ist der oberbayerische Chiemgau die ideale Landschaft, um sich darin mit dem Fahrrad fort zu bewegen. Das Programm „Chiemgauer Rückenwind“ bietet ein flächendeckendes Verleih-System an Elektrofahrrädern, mit denen sich vielerlei kulturelle Attraktionen bequem erreichen lassen. Andrea Tichy hat in dieser Bilderbuchlandschaft die elektrische Trethilfe getestet.

Huch, solch eine Steigung: Vor mir liegt eine Forststraße, die sich in kühn ansteigendem Bogen im Wald verliert. Normalerweise würde ich jetzt absteigen und schieben, jetzt aber schalte ich die Elektrik des Fahrrads einfach auf Stufe drei und erreiche – ohne außer Atem zu geraten – die Hügelkuppe, von der aus ich schon die Wallfahrtskirche von St. Leonhard sehen kann.
Ich befinde mich auf einer modernen Pilgerfahrt mit dem Fahrrad, wie sie von „Chiemgau-Tourismus“ angeboten wird. Die Route führt auf den Spuren von Papst Benedikt von Waging über Traunstein zum Kloster Seeon. Anders als bei herkömmlichen Pilgerfahrten bewege ich mich nicht per Pedes, sondern per Pedelec – einem Fahrrad, das über eine Batterie am Gepäckträger die Pedale mit elektronischer Trethilfe speist. Eigentlich wollte ich als Puristin bei der Anmeldung elektrische Hilfe ablehnen und aus Gewohnheit lieber mit einem herkömmlichen Fahrrad radeln. Aber weil E-Bikes derzeit so im Trend liegen, überwog dann doch die Neugierde. Ich wollte selber erfahren, warum sich immer mehr Radler für E-Bikes entscheiden: Vom Berufstätigen, der damit den täglichen Arbeitsweg bewältigt, über junge Eltern, die den Kinder-Anhänger lieber an ein E-Bike montieren, bis hin zum „Best-Ager“, der sich damit bergige Wegstrecken leichter macht. Jetzt – auf der Hügelkuppe nahe St. Leonhard – stellt sich bei mir spürbare Erleichterung ein, dass ich der sportlichen Gruppe nicht hinterher hecheln muss.
Im Prinzip stehen mir drei verschiedene Anschub-Stufen zur Verfügung: Wenn ich nicht in die Pedale trete, dann bekomme ich auch keine Unterstützung. Nach den ersten vorsichtigen Proberunden – das Pedelec verhält sich in Kurven und beim Abwärts-Fahren etwas anders als herkömmliche Fahrräder – macht das Fahren ausgesprochen viel Spaß. Mit der elektrischen Unterstützung geht es auf der rund 50 Kilometer langen Stecke von Waging nach Kloster Seeon zügig voran. So zügig, dass in Ettendorf bei Traunstein gemächlich Zeit bleibt, sich von Führerin Evi die gotische Kirche erklären zu lassen und das Panorama auf Traunstein zu genießen. Hier ganz in der Nähe hatte Papst Benedikt als Junge gewohnt, weshalb ihn so mancher Einheimische noch immer „Huafschlag-Sepp“ nennt. Auf dem ehemaligen keltischen Kultplatz von Ettendorf spürt man, warum der Papst in seinen Lebenserinnerungen berichtet, im „alten keltischen Kulturland“ aufgewachsen zu sein.

Bewusst dosierte Trethilfe
Beim Mittagessen auf der Terrasse vom Gasthof Schnitzlbaumer in Traunstein dämpft Franz Mayer ein wenig die Euphorie des anstrengungslosen Pilgerns. Obwohl die uns zur Verfügung gestellten Fahrräder in der Ebene (ohne Steigung) eine Reichweite von 80 Kilometer haben sollen, ist der Akku nach den hügeligen 15 Kilometern zwischen dem Eichenhof in Waging und dem Stadtplatz in Traunstein bei einigen Radlern schon mehr als zur Hälfte erschöpft. Franz Mayer rät zum sparsamen Umgang mit der elektrischen Zuschaltung. Als Gesellschafter des Priener Fahrradherstellers additive bikes und Mit-Organisator des Fahrradverleih-Systems verfügt Franz Maier über besonders viel Erfahrung mit E-Bikes. Rund 100 Fahrräder mit Elektroantrieb hat sein Unternehmen im Chiemgau im Einsatz. Die Touristen können sich die Fahrräder tageweise ausleihen oder bei Arrangements wie der Pilger-Pauschale auch one-way von Standort zu Standort radeln. 27 Euro Leihgebühr täglich berechnet additive bike für ein E-Bike, das normalerweise rund 2.300 Euro kosten würde. – Ein fairer Preis, der durch die Anschlusskäufe der begeisterten Radler subventioniert wird: „Wer einmal mit dem E-Bike gefahren ist, ist hinterher so überzeugt, dass er das Fahrrad für sich haben möchte“, erzählt Mayer aus Erfahrung.

Grüne Gewissensfragen
Auch ich liebäugle spontan mit dem E-Bike, mein grünes Gewissen stellt allerdings lästige Fragen: Wenn das Fahrrad konventionell an der Steckdose betankt wird, dann wird es auch mit Atomstrom gefüttert, ebenso mit Strom, der aus Kohle oder Gas erzeugt wurde. Umweltfreundlich ist ein derartiges Fahrrad im Prinzip nur dann, wenn es durch Photovoltaik-Module aufgetankt wird. Während ich noch über das ökologische Für und Wider von E-Bikes nachgrüble, hat der Akku von Quell-Fotograf René Antonoff den Geist aufgegeben. Von Seebruck an (etwa nach 30 Kilometern) muss er das durch den Akku beschwerte Fahrrad (21,7 Kilogramm) plus sein Foto-equipment allein durch die Kraft seiner Muskeln antreiben. Auf der Terrasse der Klostergaststätte in Seeon ist alles Grübeln über Akkus und Umweltprobleme von Pedilecs erst einmal vergessen. Im Abendsonnenschein und nach der bewältigten Anstrengung fließt das Bier wie Balsam die Kehle hinunter. Die Glocken der romanischen Kirchtürme läuten ein Abendprogramm in einem Ambiente ein, dessen Zauber schon Wolfgang Amadeus Mozart erlag. Er kam immer wieder nach Seeon und auch ich habe mir das Wiederkommen fest vorgenommen. Nur über die Beförderungsart werde ich mir noch weitere Gedanken machen.

Foto: René Antonoff

QC21F09
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Additive Bikes

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Chiemgau-Tourismus

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Tourismus-Information Traunstein

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Hotel Eichenhof Waging

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Brauerei-Ausschank Schnitzlbaumer

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Tagungszentrum Kloster Seeon

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Der sinnliche Glaube

 Buchtipp

Papst Benedikt XVI: Aus meinem Leben

Gebundene Ausgabe: 190 Seiten

Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt DVA; Auflage: 5 (1. Februar 1998)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3421051232

ISBN-13: 978-3421051233

Originaltitel: La mia vita

Preis: 10 Euro

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