Duft von Feuer und Wasser

Es ist heiß, so heiß und steinig, so steinig. Das Leben flieht, nur der Sand lebt im Wind. Und doch: Ein kurzer Regen und die Wüste blüht, sie duftet verführerisch und die Farben explodieren. Von Roland Tichy.

Es ist so eine Art Bratpfanne mit Steinen, durch die wir uns bewegen – der Joshua-Nationalpark in Kalifornien. Er gilt als einer der heißesten Orte der Welt; Sand, Staub, Steine, Felsen; und dann wieder Sand, Staub, Steine, Felsen. Freunde hatten uns gewarnt vor der Mondlandschaft; Park-Ranger die Mitnahme von Wasser angeraten, mindestens acht Liter pro Tag sollen wir trinken, um der Luft entgegenzuwirken, die uns entgegenschlägt, als stünde hinter dem nächsten Hügelkamm Gottes größter Heißluftfön. Und doch – wir betreten eine Wüste der Wunder, der Farben, der Düfte und der Blumen und Blüten.
Es hat, sagen die Chroniken, zum erstenmal seit wohl zwei Jahrzehnten geregnet. Regen, ach was, ein dünner, kaum spürbarer Dunst war es gewesen. Und doch: Wenn Wasser auf Feuer trifft, dann blühen die Steine. Es ist, als ob das gemächliche Leben der Pflanzen sich beschleunigt hätte, ein ganzes Jahr ist wie ein Tag, es gilt in Stunden nachzuholen, wozu andernorts Monate zu verfügung stehen: Wachsen, blühen, bestäuben, vermehren, aufsaugen, Schößlinge verbreiten, die wenigen Insekten und Vögel anlocken mit Farben, die so grell und bunt sind, als ob die große Kitschfabrik zum Pinsel gegriffen hätte. Was wie totes, längst vertrocknetes Holz wirkt, fast versteinert – setzt helles Grün an, legt ein frisches Stachelkleid an, treibt zwischen den Widerhaken der Stacheln lockende gelbe Blüten hervor – eine ganze Welt toter Kakteen, der Cholla-Kaktus, beginnt zu blühen und zu leben. Ein strenger, harziger Duft liegt in der Luft, die Ureinwohner, wenige Indianer in der leblosen Welt, haben aus diesem Gedörr Dutzende von Medikamenten destilliert, sogar gegen Krebs sollen sie wirken, sagen moderne Pharmazeuten. Rauchbusch heißt ein dürrer Strauch, der so dünn wirkt wie weißer Rauch und explosiv ist, weil sein Gehölz mit Wachs gegen das Austrocknen überzogen ist: Wir erleben ihn elastisch, grün, das Tote lebt und wie. Wir wagen kaum aufzutreten, winzige Blüten bedecken den Boden, sie sind nur wenige Millimeter im Durchmesser, aber die Wüste ist gelb und es duftet, es duftet. Jeder Schritt zerstört ein lebensgieriges Miniuniversum.
Einst zogen die Mormonen auf ihrem Weg nach Westen durch diese Wüstenei und es war so heiß und es fehlte an Wasser und die Pferde starben. Sie trafen auf einen noch nie gesehenen Baum, bis zu 18 Meter  streckt er seine Arme in den wolkenlosen, immer trockenen Himmel und am Ende seiner Arme ein Büschel lanzenartiger Blätter. Sie nannten ihn Joushua-Baum, weil er wie Joushua, der Diener Mose, seinem Volk den Weg zu weisen schien in das gelobte Land. Was sie nicht sahen, waren die Blütenstände des harten, knarzigen Baumes und seiner wenigen Arme – 40 Zentimeter lange fleischige Blütenstände, üppig, wie das Frucht gewordene Versprechen, dass das gelobte Land schon hinter dem nächsten silbern funkelnden Granitfelsen läge. Später retteten sich Goldsucher in den Fächerschatten majestätischer Palmen, sie nahmen den Sand in den Mund, denn wo die Palmen ihre breiten Wurzeln verbreiten ist er wenige Zentimeter unter der Oberfläche feucht. Feucht? Wir hören ein Brünnlein plätschern, ein kleiner Bach fließt über den Sand, sammelt sich in einem natürlichen Becken aus härtestem Granit, ein Kolibri flattert und schießt pfeilschnell davon zur nächsten Blüte.
In wenigen Tagen wird es schon wieder anders sein, das Leben versteckt sich wieder, zieht sich zurück, verschwindet hinter brechender Trockenheit und knarrender Dürre, vielleicht wieder für Jahrzehnte. Das Leben in der Wüste hat Warten gelernt, geduldiges Warten auf den nächsten Regen. Dann wird es wieder leben, schnell, bunt hektisch.

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Offizielle Web-Site des Joshua-Nationalparks