Die innere Quelle

Was haben der Dalai Lama, Richard Gere, Tina Turner und Ruth Maria Kubitschek gemeinsam: die Praxis der Meditation. Nach einer Umfrage der Düsseldorfer „Identity Foundation“ suchen mittlerweile 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung spirituelle Wege zu einem sinnvollen Leben. Doch auch, wer sich nicht für den Buddhismus als Religion interessiert, kann durch regelmäßiges Meditieren zu innerer Ruhe finden, besser den täglichen Stress bekämpfen und mehr Mitgefühl für sich und andere entwickeln. Von Dr. Gerd Leidig.

Nein, meine Pille ess’ ich nicht! Als Aldous Huxley in den 1930iger Jahren von den segensreichen Wirkungen einer von ihm als „Soma“ genannten Pille schrieb, die auf wunderbare Weise schlechte Stimmungen vertreiben konnte und zugleich als Aphrodisiakum begehrt war, konnte der britische Autor wohl nur ahnen, dass die Sehnsucht nach dem Glück aus der Retorte einen andauernden Wunsch auch noch für uns heute darstellt.
Jeder fünfte akademisch ausgebildete Leser gab bei einer Befragung der Fachzeitschrift „Nature“ im Jahr 2008 zu, schon einmal verschreibungspflichtige Arzneimittel wie Ritalin, Modafinil oder einen Betablocker eingenommen zu haben, um die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern. Immerhin fünf Prozent von 3000 Befragten bekannten sich im DAK-Gesundheitsreport 2009 dazu, Medikamente als Doping am Arbeitsplatz einzunehmen. Unter dem Motto „das optimierte Gehirn“ forderten unlängst führende Forscher, die Entwicklung der auch „Neuro-Enhancer“ genannten Präparate voranzutreiben, denn die Vorteile würden die Nachteile überwiegen. Wahrlich schwere Zeiten für einen Pillen-Kaspar, der diese Mittel auch am fünften Tag noch nicht nehmen mag.

„Nicht atmen, nicht atmen und … weiter atmen!“
Vielleicht erinnern Sie sich noch an die freundliche, aber befremdliche Aufforderung Ihres Röntgenarztes, als er Sie bat, das Atmen zu unterbrechen, damit brauchbare Röntgenbilder entstehen konnten. Der für einige Momente angehaltene Atem und dann das angenehme Gefühl, als sich die Lunge wieder füllen durfte und die verbrauchte Luft Ihren Körper wieder verlassen hat. Selten und nur ausnahmsweise wie im Beispiel der ärztlichen Untersuchung sind wir uns bewusst, dass wir atmen. Die Entdeckung und das Bewusstsein des eigenen Atmens steht im Mittelpunkt vieler meditativer Praktiken und führt uns zu einem bewussteren Sein. Machen Sie doch einmal einen Schnelltest, wie sehr Sie im Augenblick von der Macht Ihrer inneren Gedanken abgelenkt werden, und damit von der Gegenwart des Augenblicks entfernt sind:
Schließen Sie die Augen und konzentrieren Sie sich nur auf Ihren Atem. Verändern Sie bitte nichts an dem, wie Ihr Körper atmet, beobachten Sie nur das Auf und Ab und begleiten Sie bei den ersten Versuchen Ihre Atemzüge mit einem inneren Zählen. Als erste Erfahrung reicht es, wenn Sie parallel mit Ihrem Atmen entsprechend Ihrem Rhythmus bis zehn zählen. Wie oft haben Sie mit ungewollten Gedanken Ihren inneren Monolog unterbrochen?

„Being Mode“
John Kabat-Zinn nannte das bewusste Verweilen und die achtsame, nicht bewertende Konzentration auf die Gegenwart den „Being Mode“, also den Seins-Modus, in dem wir versuchen sollen, möglichst wenig zu tun und vorzugsweise auf die Atmung oder auf andere Empfindungen des Körpers zu achten. Je häufiger wir es schaffen, in diesem achtsamen, aber absichtslosen Zustand zu verweilen, desto segensreicher werden sich die Erfolge dieser Achtsamkeitsmeditation einstellen. Kabat-Zinn hat als Mediziner und Wissenschaftler seit über 30 Jahren diese Effekte studiert und zu einem eigenen Ansatz in der Unterstützung krankhaft gestresster und sogar depressiver Menschen entwickelt. In seinem MBSR-Programm (Mindfulness Based Stress Reduction) lernen die Teilnehmer durch tägliches Üben, die Gedanken, die immer wieder die Konzentration auf die Atmung stören, kommen und gehen zu lassen.

Übung macht auch hier den Meister
Viele gute Vorsätze scheitern daran, dass wir den Terminkalender schon übervoll haben. Ein regelmäßiger Termin, und das am besten jeden Tag, scheint für viele nicht realistisch. Bevor Sie allerdings aus diesen Gründen nicht meditieren, starten Sie doch ganz einfach mit der oben vorgestellten Atemübung, die nur zwei bis drei Minuten dauert. Mit den ersten Erfahrungen bekommen Sie allmählich einen Eindruck von der Kraft der Meditation. Suchen Sie sich eine Stelle zuhause, an der Sie ungestört sitzen können, ohne den Rücken anzulehnen. Schließen Sie dann die Augen und beginnen mit durch inneres Mitzählen begleitetes Atmen und achten Sie auf die kommenden Gedanken. Sobald Ihnen ein Gedanke bewusst wird, verabschieden Sie ihn wieder und konzentrieren Sie sich erneut auf Ihre Atmung.

Das achtsame Gehirn
Meditation verändert. Bereits mit der einfachsten Übung wird sich bei regelmäßiger, wenn möglich täglicher Praxis Ihr Leben ändern. Doch nicht nur das: Ihr Gehirn wird durch die Praxis der Achtsamkeit verändert. Erfahrungen können auch Einfluss auf die Aktivität unserer Gene nehmen, was in den letzten Jahren zur Entwicklung einer neuen Forschungsrichtung, der Epigenetik geführt hat. So ist Forschern der Universität Harvard kürzlich der Nachweis gelungen, dass die Großhirnrinde durch intensives Meditieren wächst. Dabei werden die Zwischenräume zwischen den eigentlichen Nervenzellen größer, so dass mehr Platz für die Verbindungen zwischen den Nervenzellen bleibt. Es bilden sich dann mehr solcher Synapsen genannter Brücken aus, ganz ähnlich wie dies auch bei Musikern der Fall ist, die durch jahrelanges Training ganz bestimmte motorische Areale ihres Gehirns trainieren. Ann Treismann, die sich auf die Erforschung von Aufmerksamkeitsprozessen spezialisiert hat, konnte bei Mönchen mit langer Meditationserfahrung feststellen, dass sie schnell hintereinander gezeigte Bilder vollständiger erkennen können als ungeübte Meditierer. Messungen im EEG haben ergeben, dass während der Meditation im Gehirn vermehrt Gamma-Wellen auftreten, so wie es auch bei gedanklichen Höchstleistungen oder religiösen Gefühlen der Fall ist. Vieles spricht sogar dafür, dass sich Menschen durch die Meditation besser in andere hinein versetzen können, sie also emphatischer und einfühlsamer reagieren.
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