Die Entdeckung der Langsamkeit

Mit Regionalbahn und Schiff von Frankfurt nach Köln.

Vor wenigen Tagen habe ich eine Reise von Frankfurt nach Köln unternommen, die ich schon lange geplant hatte und auf die ich mich sehr freute. Da mein Sohn in Köln wohnt, fahre ich diese Strecke öfter und benutze dabei, wie die meisten Reisenden, den ICE. Doch diesmal sollte es etwas Besonderes werden, ich hatte sehr viel Zeit und wollte eine Reisestrecke mit Schiff und Bahn bewältigen. So fuhr ich gegen 11 Uhr in Frankfurt mit der Rheingau-Bahn in Richtung Rüdesheim, wo ich ein Schiff nach Koblenz nehmen wollte. In Rüdesheim angekommen, erfuhr ich, dass das Schiff, mit dem ich ursprünglich fahren wollte, ersatzlos gestrichen war und dass ich bis 16.00 auf das nächste Schiff warten musste. Glücklicherweise gab es noch ein anderes Schifffahrtsunternehmen, das wenigstens eine Fahrt bis nach St. Goarshausen/St. Goar anbot und das um 14.00 Rüdesheim verlassen sollte. Also kaufte ich dort mein Ticket und hatte bis zur Abfahrt des Schiffes noch einen gute Stunde Zeit. Diese verbrachte ich nun keineswegs auf dem Weinfest in dem von Touristen sehr beliebten Städtchen sondern ich schlenderte am Rhein entlang und betrachtete die Schiffe. Vor allem die Hotelschiffe hatten es mir angetan und ich spürte, wie sich in mir das Fernweh ausbreitete. Endlich war es Zeit, zur Anlagestelle zu gehen und sich in die Schlange der Passagiere einzureihen. Es waren sehr viele, die nach St. Goarshausen fahren wollten, das Schiff war gut gebucht. Ich freute mich, einen Tisch für mich alleine ergattert zu haben und die Reise alleine genießen zu können. Doch die Freude hielt sich nicht lange und zwei junge polnische Familien mit insgesamt 3 Kindern setzten sich an meinem Tisch. Ich befürchtete, dass es nun mit meiner Ruhe vorbei sei, merkte aber zu meinem Erstaunen, dass mich die Gespräche und das Lachen überhaupt nicht störten und dass ich innerlich total ruhig war. Die Fahrt mit dem Schiff dauerte ca 2 Stunden und führte durch eine der schönsten Regionen Deutschlands, dem Mittelrheintal. Burgen und Ruinen zogen, malerisch über Dörfern und kleinen Städten gelegen, bilderbuchhaft an den Augen der Betrachter vorbei. Man konnte Namen wie „Burg Katz“ und „Burg Maus“ hören und auf einer Insel im Rhein gab es auch einen „Mäuseturm“. Es gab viele „ohs“ und „ahs“ des Erstaunens, überall wurde fotografiert. Als das Schiff den Loreleyfelsen passierte, ertönte die Melodie des berühmten Liedes von Heinrich Heine „ich weiß nicht, was soll das bedeuten“ und man konnte den einen oder die andere mitsingen hören. Auf dem Rhein selbst herrschte ein Betrieb „ wie in Frankfurt auf der Zeil“. In St. Goarshausen angekommen, hieß es, das Schiff verlassen und auf den nächsten Zug nach Koblenz zu warten. Dies bedeutete wieder einen Aufenthalt von ca einer Stunde, den ich, nachdem ich durch das Städtchen geschlendert war, lesend am Rhein verbrachte. Die Bahn fuhr am Rhein entlang und man sah Dörfer und Burgen aus einer anderen Perspektive und leider etwas schneller als vom Schiff aus. In Koblenz angekommen, erfuhr ich, dass mein EC-Zug nach Köln Verspätung hatte. Da aber auf dem Nachbargleis eine Regionalbahn nach Köln abfahrbereit stand, beschloss ich, die Reise mit dieser fortzusetzen. Der Zug fuhr ebenfalls am Rhein entlang und hielt in geschichtsträchtigen Orten wie Andernach, Remagen, Bad Godesberg und Bonn. Als ich gegen 20.00 Uhr in Köln ankam, hatte ich das Gefühl, eine mehrtätige Reise unternommen zu haben, obwohl es doch nur ca 9 Stunden waren.

Ich fühlte mich total entspannt und ausgeruht wie schon lange nicht mehr. In Ruhe unterwegs sein, die Landschaft vorbeigleiten zu sehen, ein Buch zu lesen, zwischendurch die Augen zu schließen, eine Form der Meditation und zu sich selbst zu finden. Ich habe mir vorgenommen, dass öfters zu tun. Es gibt noch andere Strecken als Frankfurt-Köln.

Von Helga Ranis

Foto: Monika Frei-Herrmann