Der verbotene Fluss

Los Angeles hat einen Fluss? Zugebaut, eingesperrt, abgeriegelt. Nun soll der verbotene Fluss endlich ein Stück Stadt werden, soll für die Menschen zugänglich und – wo möglich – renaturiert werden. Das jedenfalls ist die Vision einiger Menschen. Quell-Autorin Christine Mattauch hat sich bei den Fluss-Rettern umgesehen.

Die Aktion war illegal. Deshalb wunderte sich George Wolfe auch nicht, als die Polizei anrückte. Aber der Aktivist hatte vorgesorgt: Er hielt den verdutzten Beamten eine Dreherlaubnis unter die Nase. Ach so – na dann sei alles in Ordnung, meinten die. Man befand sich immerhin in Los Angeles, der Stadt Hollywoods, und verrückte Aktionen von Filmteams waren die Polizisten gewöhnt. Und so konnte sich Wolfe unbehelligt zurück in sein Kajak setzen und weiter quer durch Los Angeles paddeln.
Paddeln? Los Angeles hat einen Fluss? Da staunt, wer die kalifornische Metropole schon besucht hat. Selbst viele Einwohner kennen das Gewässer nicht – oder sie halten das Rinnsal inmitten einer Betonwüste für einen Abwasserkanal. Wie ein Fluss sieht der L.A. River tatsächlich kaum noch aus – zugebaut, eingesperrt, abgeriegelt. Bis vor kurzem war es streng verboten, sich dem Gewässer zu nähern, von Boot fahren ganz zu schweigen. Deshalb fügte es sich gut, dass die Polizisten Wolfes Drehgenehmigung nicht richtig durchlasen. Sonst hätten sie nämlich gemerkt, dass der Kajakfahrer überall hin dürfte – nur nicht aufs Wasser.
Nun jedoch soll der verbotene Fluss endlich ein Stück Stadt werden, soll für die Menschen zugänglich und, wo möglich, renaturiert werden. Das jedenfalls ist die Vision einer Allianz sehr unterschiedlicher Menschen, von Umweltschützern über Angler und Radfahrer bis zu Eltern, die einfach nur wollen, dass ihre Kinder am Fluss spielen und vielleicht sogar eines Tages in ihm schwimmen können.
Der 82 Kilometer lange Fluss entspringt am Rande des San Fernando Valley und fließt in Long Beach, dem Hafen von Los Angeles, in den Pazifik. Mehr als 2000 Jahre war er Nahrungs- und Trinkwasserquelle für die Indianer des Stammes Tongva, später für eine spanische Expedition unter Gaspar de Portolá, die den Strom 1769 entdeckte und ihn „Rio Porciuncula“ taufte. 1781 legten Kolonisten den Grundstein für die Stadt „El Pueblo de la Reina de los Angeles“, und der Name ging auf den Fluss über. Bis 1913 blieb er die einzige Trinkwasserquelle der Stadt.
Doch immer wieder machten Winterstürme aus dem unscheinbaren Gewässer einen reißenden Strom. 1938 kam es zu einer verheerenden Flut, bei der über hundert Menschen starben und 5600 Häuser zerstört wurden. Es war ein Trauma für die Stadt, und damit es sich nicht wiederholte, zwängte das United States Army Corps of Engineers – eine dem Militär zugehörige Behörde, die aber auch für große zivile Bauprojekte zuständig ist – den Wasserlauf fast über seine gesamte Länge in ein gigantisches Betonbett. Aus dem Fluss wurde ein Flutkontrollsystem, abgesperrt mit Stacheldraht, besucht nur noch von Obdachlosen und Halbwüchsigen, die eine Mutprobe suchten. Und von Filmteams, der schaurigen Kulisse wegen: Die Betonplatten bilden den Hintergrund für eine wilde Verfolgungsjagd in Terminator 2 und für ein Autorennen im Musical Grease. Die meisten Einwohner jedoch vergaßen den Fluss, der keiner mehr war.
Bis Mitte der 1980er Jahre ein junger Schriftsteller namens Lewis MacAdams in Los Angeles strandet. Seine Ehe ist gerade in die Brüche gegangen, er hat kein festes Zuhause und übernachtet bei Freunden. Manchmal streift er durch die nächtliche Stadt, und einmal gerät er dabei an den Fluss und steht fasziniert am Rande dieses traurigen Rinnsals inmitten der Betonfestung. „Da wusste ich, dass der Fluss meine Zukunft sein würde.“
MacAdams gründet die Friends of the Los Angeles River (FoLAR), gerade rechtzeitig, denn wenig später propagiert ein Abgeordneter den Plan, den Fluss unter einer Autobahn zu begraben. „Nur über meine Leiche“, beschließt MacAdams. Er mobilisiert Mitstreiter, veranstaltet ein „River Clean-Up“, bei dem Freiwillige den Flusslauf von Schutt und Müll befreien. Zur ersten Aufräumaktion kommen 30 – in diesem Jahr sind es über 4000. Und das ist nicht der einzige Erfolg. FoLAR wehrt den Autobahn-Plan ebenso ab wie das Vorhaben, den Wasserlauf auf seinen letzten 20 Kilometern mit bis zu zweieinhalb Meter hohen Wänden zu verschanzen, und bekämpft den Versuch des Corps of Engineers, dem L.A. River seinen Status als Fluss abzuerkennen. Es ist, als könnten manche Leute Natur – oder auch nur ihre dürftigen Reste – in der Vier-Millionen-Einwohner-Metropole kaum ertragen.
Doch nun hat die Bürgerbewegung eine kritische Masse erreicht – auch dank unzähliger Exkursionen und Führungen, die MacAdams über die Jahre anbot. Viele, die sich über den Fluss informierten, wurden selbst zu dessen Anwälten, etwa Kajakfahrer Wolfe. Er wies durch seine illegale Paddeltour nach, dass der L.A. River schiffbar ist – ein kurioses, aber wichtiges Argument dafür, dass dieser seinen Status als Fluss behielt.
Zwei Parks sind in Ufernähe angelegt worden, ein Segen in der von Grün nicht verwöhnten Metropole. FoLAR setzt sich jetzt für den Bau eines Radwegs entlang des 80 Kilometer langen Flusslaufs ein. Und überhaupt gibt es inzwischen den
„L.A. River Revitalization Master Plan“, der 2007 verabschiedet wurde. Über 200 Einzelprojekte umfasst er, soll die Wasserqualität erhöhen und der Öffentlichkeit Zugang zu den Gestaden verschaffen, was freilich alles Geld kostet – Geld, das in der Rezession nicht vorhanden war. Passiert ist deshalb wenig.
Doch in diesem Sommer finden zum ersten Mal offizielle Kanu- und Kajaktouren statt, ordentlich genehmigt und behördlicherseits organisiert, unter Beratung des Mannes, dessen erste Kajak-Fahrt eine subversive Aktion war: George Wolfe. Tausende haben sich angemeldet, die Großstadtmenschen entdecken den Fluss wie einen lange verborgenen Schatz. Bei allen Renaturalisierungsbemühungen freilich wird der Strom nie wieder so sein wie vor seiner Bändigung: „Man wird den Beton nicht ganz entfernen können, dazu leben zu viele Menschen in der Flutzone“, sagt Mac-Adams. Doch das ist vielleicht auch gar nicht nötig. Für den Schriftsteller jedenfalls besitzt die Anlage auch eine eigene Ästhetik: „Ich sehe sie als Skulptur.“
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Beitrag Out of München: Was Los Angeles von der Isar lernen will