Der Plastik-Rebell

10 Milliarden Plastikflaschen im Jahr in Deutschland einzusparen ist das Ziel, das sich der Plastik-Rebell Hans-Peter Kastner auf die Fahnen geschrieben hat. Für seinen Feldzug gegen Plastik-Einwegflaschen ist der Stuttgarter Getränke-Händler ein hohes Risiko eingegangen.

Als Hans-Peter Kastner Mitte vergangenen Jahres beschloss, der Plastik-Flut in seinem Hinterhof den Kampf anzusagen, war nicht klar, ob er dabei nicht den Kürzeren ziehen würde. Er wollte nicht länger Teil der Plastifizierung sein, mit der viel Geld verdient wird. Er beschloss, fortan in seiner Getränkehandlung keine Plastik-Einwegflaschen mehr zu verkaufen und nahm sogar in Kauf, über diese Entscheidung pleite zu gehen. „Diese Entscheidung treibt Dich in den Ruin“, musste er sich häufig von Kollegen anhören. Das Gegenteil davon ist eingetreten. Sein Umsatz ist sogar noch gestiegen – um „netto 10 Prozent“, so freut er sich. Und durch seinen mutigen Einsatz gelang es ihm, den Trend in Sachen Plastik-Einweg umzukehren: Erstmals seit 15 Jahren ist Ende vergangenen Jahres der Anteil an Mehrwegflaschen wieder gestiegen.

Unterstützt von vielen Seiten
Möglich wurde dieser erstaunliche Erfolg durch mehrere glückliche Umstände: Der Wut-Post, mit dem sich Hans-Peter Kastner auf Facebook den Frust über die vielen von seinen Kunden zurück gegebenen Einwegflaschen von der Seele geschrieben hatte, ging viral und wurde in der Folge millionenfach geklickt. Die Medien stiegen ein, Zeitungen berichteten über ihn, es gab Fernsehbeiträge und so wurde Hans-Peter Kastner zum geschätzten Gesprächspartner für Politik und Verbände. Selbst Unternehmen wie Danone („Vittel“) und Coca Cola beschäftigen sich nun mit der Mission von Hans-Peter Kastner. Durch seinen unermüdlichen Einsatz hat der 42 Jahre alte Getränkehändler Mitstreiter gewonnen: Mittlerweile haben es ihm 18 andere Getränkehändler nachgetan und Plastik-Einwegflaschen aus ihrem Sortiment ausgelistet. Mit der von ihm ins Leben gerufenen Aktion „Gehe mit mir den Mehrweg“, hofft er, zwei bis drei Tausend Getränkehändler für die von ihm eingeschlagene Richtung zu gewinnen. Zur Motivation, sich ihm anzuschließen, hat der umweltbewegte Getränkehändler verschiedene Zielerreichungs-Stufen formuliert, die es den Händlern erlauben, in dem von Kastner derzeit aufgebauten Such-Portal aufgenommen zu werden: Den „Bronze“-Status gibt es, wenn ein Getränkehändler mindestens 70 Prozent seines Sortiments im Mehrweg anbietet, den „Silber“-Status bei 80 Prozent, „Gold“ bei 90 Prozent und den „Legenden“-Status bei 100 Prozent. (Siehe auch linke Randspalte). Damit hofft er, mit der Branche die Zielmarke des Anfang 2019 in Kraft getretene Verpackungsgesetzes erreichen zu können, das bei Getränkeverpackungen einen Mehrweganteil von 70 Prozent formuliert. Davon ist die Realität jedoch noch Meilen entfernt. Nach Zahlen des Umweltbundesamtes betrug der Anteil der Getränke, die in Mehrwegverpackungen abgefüllt wurden, Ende 2017 lediglich 42 Prozent.
Seit 2003 sind die meisten Einweggetränkeverpackungen in Deutschland pfandpflichtig. Derzeit beträgt das Pfand auf alle Einwegflaschen- und Dosen 25 Cent und liegt damit um mindestens 10 Cent höher als das Pfand auf Mehrwegflaschen. Mit der Einführung des Einweg-Pfands erreichte die Politik das Gegenteil von dem, was sie eigentlich damit anstrebte: Wiederverwendbare Glas- und PET-Mehrwegverpackungen verloren innerhalb von fünfzehn Jahren fast 25 Prozent Marktanteil. Von weiteren Zwangsabgaben auf Einweggetränkeverpackungen hält Hans-Peter Kastner deshalb nichts. Er setzt lieber auf die Einsichtsfähigkeit der Verbraucher: „Mit kleinen Schritten im Alltag lässt sich eine Menge bewirken“, so ist er überzeugt. In seinem Markt führt er viele Gespräche, um trotz des Komfortarguments des leichteren Plastiks seine Kunden für Glas zu erwärmen. Denn Glas ist für Hans-Peter Kastner die beste Getränke-Verpackung.

Trink aus Glas
Auf der Internet-Seite seines Getränkehandels hat er die Pluspunkte von Glas aufgelistet. Dort ist zu lesen: „Glas sichert die Qualität und den Geschmack des gefüllten Produkts. Glas ist bis zu 50x wiederbefüllbar und schont Ressourcen. Glas ist zu 100% wiederverwertbar und kann eingeschmolzen und zu 100% wiederverwertet werden. Somit ist es die ökologisch beste Getränke-Verpackung.“ Um Glas-Mehrweg zu einer Renaissance zu verhelfen hat sich Hans-Peter Kastner der Bewegung „Trink aus Glas“ angeschlossen. Seit Januar 2020 setzt sich diese Bewegung für die Getränkeverpackung Glasflasche ein. Derzeit werden noch etwa zwei Drittel aller Wasserflaschen in der Plastik-Einwegflasche verkauft. Vor allem der hohe Marktanteil der Discounter führte dazu, dass bis vor Kurzem allein in Deutschland jährlich rund 20 Milliarden Plastik-Einwegflaschen über den Verkaufstresen gingen. Durch seine Aktionen hat Hans-Peter Kastner nach eigenen Schätzungen mittlerweile Einsparungen von rund 15 Prozent an Einwegflaschen erzielt, das entspricht etwa 2,5 Milliarden Plastik-Einwegflaschen. Und im zweiten Halbjahr des Jahres 2019 verzeichneten Glasflaschen „einen Schub“. Am Ende seines Wegs ist Hans-Peter Kastner damit aber noch lange nicht angekommen. Sein Ziel: hierzulande rund 10 Milliarden Plastik-Einwegflaschen jährlich einzusparen.

Suchportal: „Gehe mit mir den Mehrweg“
Mit der von ihm ins Leben gerufene Initiative will Hans-Peter Kastner andere Getränkehändler dazu animieren, sich Schritt für Schritt von Einwegflaschen zu trennen. Derzeit baut er unter diesem Label ein Suchportal auf, das Kunden per Postleitzahl-Suche dabei hilft, Händler zu finden, die sich dem Mehrweg verschrieben haben. Dafür hofft er, 2.000 bis 3.000 Getränkehändler zur Teilnahme animieren zu können. Voraussetzung: die Händler müssen in ihrem Sortiment mindestens 70 Prozent Mehrwegflaschen anbieten, gerne mehr. Er selbst und 18 andere Getränkehändler haben es mittlerweile geschafft, Plastik-Einwegflaschen zu 100 Prozent aus ihrem Sortiment zu verbannen.
www.gehe-mit-mir-den-mehrweg.de

Best-Practice: St. Leonhards, der Pionier der Glas-­Leichtflaschen

Aufgrund ihrer Eleganz ist die Leichtglasflasche der St. Leonhards Quellen auf den ersten Blick zu erkennen. Sie entspricht in ihrer Optik der Qualität der darin abgefüllten Quellwässer (St. Leonhardsquelle, Sonnenquelle, Mondquelle, Lichtquelle, St. Georgsquelle oder JodNatur) und es gibt sie in zwei Größen: 1 Liter und 0,33 Liter. Mit 530 Gramm für die Literflasche bringt sie rund 40 Prozent weniger Gewicht auf die Waage als die Normbrunnenflasche der Genossenschaft Deutscher Brunnen, von denen derzeit 1,2 Milliarden Flaschen im Umlauf sind.

Obwohl in Deutschland die St. Leonhards Quellen als einziger Wasser-Abfüller diese Leichtglasflasche nutzt, ist die Wiederverwendung im Kreislauf kein Problem. Denn die Lastwägen der Getränke-Großhändler bringen jedes Mal Leergut zurück, wenn sie Nachschub abholen. Ausgemustert wird beim erneuten Abfüllen rund ein Prozent des Leerguts. Die Scherben werden recycelt und sind so sortenrein, dass sie wieder für die Flaschen-Herstellung verwendet werden können. Der Altglas-Einsatz der Flaschen liegt bei 80-85 Prozent.

Ungewöhnlich: Selbst zum Waschen der firmen­eigenen Leichtglas-Flaschen kommt bei St. Leon­hards hochwertiges Arteserwasser zum Einsatz. Der Grund: Der Abfüllort Bad Leonhardspfunzen ist nicht an das Netz der öffentlichen Wasserversorgung angeschlossen, sondern wird von „Obernburger Quellwasser“ versorgt. Diese Quelle sprudelt munter rechts vom Firmengelände und speist auch den Kreislauf der Flaschenreinigung. Hier werden die zurück gegebenen Pfandflaschen rund 20 Minuten lang in Lauge gewaschen und am Ende mit heißem, dann mit kaltem Arteserwasser gespült. Nach dem Befüllen werden die Flaschen mit PVC-freien Verschlüssen verschlossen.

Leere Flaschen schnell zurück bringen
In der Corona-Krise haben Mineralbrunnen und andere Getränke-Hersteller, die ihre Produkte in Mehrwegflaschen abfüllen, mit einer besonderen Herausforderung zu kämpfen: Es fehlt an Flaschen, weil Kunden Getränke horten. Die St. Leonhards Betriebe beispielsweise appellieren: „Ihr habt euren St. Leonhards Quellen Kasten leer getrunken? Dann bringt den leeren Kasten doch bitte an euren Händler zurück.“

Generell gilt: Mehrwegsysteme sind Kreislaufsysteme. Diese Systeme können nur dann problemlos weiterhin laufen, wenn leere Flaschen zügig zurück gebracht werden.

#kastenleerflaschenher

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Bildnachweis: privat