Den ganzen Menschen sehen

Für die Anthroposophische Medizin ist jeder Patient eine Einheit aus Körper, Seele und Geist. Wir erläutern die Hintergründe dieser ganzheitlichen Betrachtungsweise, zeigen historische Zusammenhänge und Chancen für die Zukunft auf.

„Der Mensch ist mehr als sein Körper. Und auch mehr als die Summe seiner Krankheitssymp­tome“, betont der Dachverband Anthroposophischer Medizin in Deutschland. Ein heraus­fordernder Ansatz in einer Zeit, in der Ärzten nur noch wenige Minuten pro Patient zur Verfügung stehen. Doch werfen wir zunächst einen kurzen Blick zurück: Es war der Begründer der Anthroposophie, Dr. Rudolf Steiner (1861-1925), der die Anthroposophische Medizin in den 1920er Jahren gemeinsam mit der Ärztin Ita Wegman ins Leben rief. Sein Ziel war es, die Heilkunst gemäß geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse zu erweitern. Der Begriff „Anthro­posophie“ setzt sich aus den griechischen Wörtern „anthropos“ (Mensch) und „sophia“ (Weisheit) zusammen. Zunächst nur im deutschsprachigen Raum angewandt, breitete sich die Anthro­posophische Medizin in den vergangenen Jahrzehnten weltweit aus und wird heute in rund 80 Ländern in Praxen und Kliniken praktiziert.
Der Ansatz der Anthroposophischen Medizin ist ein komplementärer – sie versteht sich nicht als „Alternativmedizin“. Im Gegenteil: Anthroposophische Mediziner absolvieren ein reguläres Medizinstudium und danach ein weiterführendes Studium der Anthroposophischen Medizin. Bei der Behandlung ihrer Patienten nutzen sie sowohl moderne, naturwissenschaftlich begründete Diagnose- und Therapieverfahren als auch Methoden und Arzneimittel zur Stärkung der Selbst­heilungskräfte. Auch das allgemeine Befinden und die individuelle Lebenssituation jedes Menschen werden berücksichtigt.
Neben den verschiedenen Behandlungsformen auf der rein körperlichen Ebene – dazu kann eine Operation ebenso gehören wie eine medikamentöse Therapie, rhythmische Massagen, Einreibungen oder äußere Anwendungen – gibt es eine ganze Reihe weiterer therapeutischer Ansätze. Diese sollen nicht nur die Krankheitsbewältigung fördern, sondern dem Patienten auch neue Ausdrucksmöglichkeiten zeigen und seelische Entwicklung ermöglichen. Zum Spektrum der in der Anthroposophischen Medizin angewandten Methoden zählen künstlerische Therapien wie die Mal- und Musiktherapie, aber auch Bewegungstherapien, die eine Brücke zwischen Körper und Seele bauen.

Rhythmisches Herstellungsverfahren
Dr. Rudolf Hauschka 1961Man schrieb das Jahr 1924, als der aus Wien stammende Chemiker Dr. Rudolf Hauschka (1891-1969) nach Holland reiste und die anthroposophische Sommertagung in Arnheim besuchte. Er traf dort auf Dr. Rudolf Steiner und fragte ihn nach seiner Sichtweise, was Leben sei. Steiner antwortete: „Studieren Sie die Rhythmen, Rhythmus trägt Leben.“ Viele Jahre trug Hauschka diese Antwort in sich, bis sie 1929 in seine Arzneimittel-Forschung einfloss. Damals arbeitete er am Klinisch-Therapeutischen Institut Arlesheim in der Schweiz. Dorthin hatte ihn die anthroposophische Ärztin Ita Wegman eingeladen, um ein Verfahren zur Herstellung von Arzneimitteln auf natürlicher Basis, zum Beispiel ohne konservierenden Alkohol zu entwickeln.
Mit Steiners Antwort im Kopf ließ Rudolf Hauschka natürliche polare Wechsel wie hell-dunkel, warm-kalt, Bewegung-Ruhe in ein Extraktionsverfahren für Heilpflanzen einfließen. Diese rhythmischen Wechsel sollten durch einen Fermentationsprozess der Zersetzung entgegenwirken. Die Idee ging auf: Seine wässrigen Auszüge – bei den ersten Versuchen aus Rosenblüten – blieben viele Jahre ohne den bis dahin notwendigen Zusatz von Konservierungsstoffen haltbar. Aus den wässrigen Heilpflanzenauszügen entwickelte Hauschka zusammen mit einem Kreis anthroposophischer Ärzte eine Reihe von Arzneimitteln. Die behandelnden Ärzte waren von der Wirksamkeit so begeistert, dass Hauschka 1935 ein Laboratorium in Ludwigsburg bei Stuttgart gründete, um die neuen Arzneimittel in ausreichender Menge herstellen zu können. Er benannte das neue Unternehmen nach den Qualitäten, die im rhythmischen Herstellungsverfahren eine wesentliche Rolle spielen: Wärme und Asche sowie Licht und Asche – Wala.

Urtinkturen als Wirksubstanzen
Noch heute stellen die Mitarbeiter des Wala Pflanzenlabors auf die von Rudolf Hauschka entwickelte Weise Heilpflanzen-Auszüge, die sogenannten Urtinkturen, her. Das Verfahren ist mittlerweile im Homöopathischen Arzneibuch (HAB) aufgenommen. Die Urtinkturen werden als Wirksubstanzen für die Wala Arzneimittel eingesetzt und teilweise nach homöopathischen Verfahren weiterverarbeitet. Ähnliche rhythmische Prozesse spielen eine Rolle bei der Herstellung von Essenzen und Ölauszügen, die Bestandteile der Wala Arzneimittel sind. Eine weitere Besonderheit sind die genau bedachten Kompositionen jedes einzelnen Präparates. Die fertigen Präparate sollen die Selbstheilungskräfte des Organismus unterstützen und damit die Gesundung von Körper, Seele und Geist fördern.
Heute umfasst das Sortiment der Wala Arzneimittel etwa 900 verschiedene Mittel für die Therapie akuter sowie chronischer Krankheiten, darunter viele zur Selbsthilfe, zum Beispiel Magen- und Darmmittel, Augen- und Ohrentropfen, Erkältungsmittel, Medikamente bei Verletzungen und vieles mehr. Wala Arzneimittel zur inneren Anwendung enthalten keinen Alkohol, was besonders in der Therapie von Kindern und Schwangeren wichtig ist.

Bausteine der Anthroposophischen Medizin

Künstlerische Therapien: mehr Stabilität für ein neues Gleichgewicht
Bei diesen Therapieformen geht es weder um Begabung noch um kreative Leistung. Wichtig ist vielmehr, inneren Bildern oder Tönen Ausdruck zu verleihen und sich selbst dabei besser kennen zu lernen. Menschen, die bislang keinen Zugang zur eigenen Kreativität hatten, können mit therapeutischem Plastizieren, Malen oder Musizieren ihre schöpferischen Seiten entdecken.

Eine Tür zur Seele: die Biografie-Arbeit
Als therapeutisches Element kann die Biografie-Arbeit dazu beitragen, die Sprache der eigenen Lebensgeschichte zu verstehen. Durch das Begreifen eigener Lebensaufgaben eröffnen sich oft neue Perspektiven. Die Biografie-Arbeit kann durch eine Gesprächstherapie, durch Beratung zur Selbstentwicklung sowie durch Meditationsschulung ergänzt werden.

Heileurythmie: Harmonie der inneren Bewegung
Die Heileurythmie (aus „eu“ – griechisch für „schön“, „gut“ und „rhythmos“ – griechisch für „Gleichmaß“) ist eine anthroposophische Bewegungstherapie, bei der Sprache und Laute in Bewegung umgesetzt werden. Sie findet in der Regel als Einzeltherapie statt.

Fotos: WALA Heilmittel GmbH | Die Filderklinik

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www.walaarzneimittel.de
www.damid.de

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