Das Ende der Parkplatzsuche

Die Umweltbelastung durch Parkplatzsuchen ist wesentlich höher, als wir denken. Aus Amerika kommt nun eine effektive Idee, wie wir dabei weniger Zeit und Geld verschwenden. Von Quell-Autorin Christine Mattauch.

Diesen Tag wird Nick Nyhan nicht vergessen: Am 7. Januar 2009, kurz nach 23 Uhr, kehrte er von einem Verwandtenbesuch zurück nach Brooklyn und fand, mal wieder, keinen Parkplatz. Es schneite, die Kurverei um den Block war mühsam. Die Kinder quengelten und weinten. Entnervt setzte Nyhan die Familie vor der Haustür ab und kämpfte sich mit seinem Toyota Highlander weiter durch die Straßen. Nach einer Dreiviertelstunde konnte er das Auto endlich abstellen. Während der 42jährige durch den Schnee nach Hause stapfte, brummte er ärgerlich vor sich hin: “Die ganze Fahrerei hätte ich mir sparen können, wenn mir jemand gesagt hätte, dass an dieser Stelle etwas frei ist.“ Verdutzt blieb er stehen. Das war doch die Lösung: Kommunikation!
Zehn Monate später ging Roadify an den Start, eine Initiative, die bei der Parkplatzsuche hilft und zugleich der Umwelt nützt. Die Idee ist verblüffend einfach: Wer einen freien Platz sieht oder weiß, dass er selbst in ein paar Minuten einen frei machen wird, textet die Adresse via SMS in ein Gemeinschaftsnetz. Parkplatzsucher können sie dort abrufen. Das Ganze ist kostenfrei und funktioniert auf jedem Handy. Das Echo auf die innovative Idee ist enorm: Nach einem Dreivierteljahr hatte Roadify schon über 3500 Mitglieder, die mehr als 40 000 Parkplätze meldeten. Dabei erstreckte sich das Aktionsgebiet nur auf ein paar Blocks in Park Slope, einem Viertel im New Yorker Stadtteil Brooklyn.

Weniger Treibstoff verbrauchen
Für das Team von Roadify hat Nyhan den 22jährigen Dylan Goelz angeheuert. Marktforscher Nyhan hatte ihn während des Wahlkampfs von Barack Obama kennengelernt – beide hatten die Kampagne als ehrenamtliche Helfer unterstützt. Dylan wiederum warb zwei Freunde aus Florida, Brian und Dan, die gerade ihr Studium beendet und Lust auf eine Prise Abenteuer in New York hatten. Der fünfte im Bunde ist Ethan, ein Softwareentwickler aus Seattle.
Den jungen Leuten geht es um mehr als um Bequemlichkeit. „Je weniger wir um den Block kurven, desto weniger Treibstoff verbrauchen wir“, sagt Dylan. Tatsächlich ist die Umweltbelastung durch Parkplatzsuche viel größer, als den meisten Leuten bewusst ist: In Amerikas Innenstädten wird durch die Suche fast ein Drittel des Verkehrs verursacht.
Donald Sharp, Professor für Stadtplanung an der University of California, untersuchte vor drei Jahren das Parkverhalten in einem Geschäftsviertel von Los Angeles. Er fand heraus, dass dort jeder Wagen durchschnittlich dreieinhalb Minuten nach einem Parkplatz suchte – auf den ersten Blick gar nicht so viel. Doch bei rund 8000 Autos an jedem Wochentag addierte sich das übers Jahr hinweg zu 1,5 Millionen Kilometern, „so viel wie 38 Fahrten rund um den Globus oder vier Reisen zum Mond“, notierte Sharp. Umweltbelastung: 730 Tonnen Kohlendioxid.

45 Prozent sind auf Parkplatzsuche
In Park Slope, der Heimatbasis von Roadify, macht der Anteil von parkplatzsuchenden Fahrern am Gesamtverkehr sogar 45 Prozent aus, ergab eine Studie der gemeinnützigen Organisation Transalt. Für Roadify eine gute Startvoraussetzung. Das Viertel bot auch noch aus anderen Gründen günstige Bedingungen für den Pilotversuch: Es wohnen dort überdurchschnittlich viele Intellektuelle, die für ihre „grüne“ Einstellung und ihren Gemeinschaftssinn bekannt sind. Nicht zufällig beherbergt das Viertel die größte Lebensmittelkooperative der USA mit über 15 000 Mitgliedern. Solche Leute sind eher bereit, die kleine Mühe einer Textnachricht auf sich zu nehmen, wenn sie wissen, dass es der Umwelt nützt.
Doch Roadify setzt nicht nur auf Idealismus, sondern auch auf Sportsgeist: Ein Ranking auf der Webseite zeichnet die besten Parkplatzmelder aus. Anfang Oktober lag das Mitglied „Bassnote“ vorn, das innerhalb von zehn Monaten 2739 freie Parkplätze gemeldet hatte. Zudem haben Nyhan und sein Team ein Belohnungssystem aufgebaut: Jeder, der einen Parkplatz meldet, erhält so genannte StreetCARma-Punkte, die bei Cafes und Shops in der Nachbarschaft eingelöst werden können. Enttäuschungen bleiben nicht aus – so kann es vorkommen, dass ein als „frei“ gemeldeter Parkplatz schon wieder belegt ist, wenn der von Roadify informierte Fahrer eintrifft. Das ist dann Pech, denn natürlich kann er keinen Anspruch auf den öffentlichen Raum erheben. Die Gefahr, dass mehrere Roadify-Fahrer den gleichen Parkplatz ansteuern, hat Nyhans Team hingegen ausgeschlossen – sobald ein Mitglied eine Adresse reklamiert, wird sie für alle anderen gesperrt. Auch das zeitgleiche Reservieren mehrerer Plätze durch einen Nutzer ist nicht möglich.
Angespornt durch ihren Erfolg, dehnen die Roadify-Macher jetzt ihr Aktionsfeld aus: Ziel ist es, bis Jahresende mehr als 10 000 Mitglieder in ganz New York zu gewinnen. Außerdem haben sie ihr Angebot um einen Bus-Service erweitert: Die Mitglieder melden jetzt auch, wann und wo Busse unterwegs sind. Damit bekämpfen sie eines der größten Ärgernisse der Stadt, denn Busfahrpläne existieren in New York nur auf dem Papier. Elektronische Tafeln, die zeigen, wann der nächste Bus tatsächlich kommt, gibt es auch nicht.

Kooperationen mit Handwerkern
Für die normalen Mitglieder soll der Dienst so lange wie möglich gratis bleiben, doch früher oder später muss die Initiative Geld verdienen. Dylan Goelz, der sich ums Marketing kümmert, hat da jede Menge Ideen. Zum Beispiel Kooperationen mit Handwerkern und Lieferanten, denen das Abstellproblem besonders zu schaffen macht – wer beim Parken in der zweiten Reihe erwischt wird, zahlt in Brooklyn schon mal 150 Dollar. Auch Werbung auf der Website oder in Verbindung mit den Parkplatzadressen kann er sich vorstellen. Und die umfangreiche Datenbasis von Roadify könnte für Anbieter von Navigationssystemen interessant sein.
Erst einmal hofft das Team, dass sich Geldgeber finden, die ihnen helfen, die Initiative auszubauen. „Wir akzeptieren auch europäische Investoren!“ witzelt Dylan. Bis welche gefunden sind, wohnen er, Brian und Dan im Souterrain des Hauses von Familie Nyhan. Sie arbeiten für Kost und Logis und träumen davon, dass sich ihr Start Up eines Tages als Goldgrube erweist – wie Google oder Facebook.