Mikroplastik – die schleichende Gefahr

Die Gewässerverunreinigung durch Mikroplastik schreitet voran und wird zur existenzbedrohenden Gefahr für Tiere und Menschen.

Vor 100 Jahren hatte sich der belgisch-amerikanische Chemiker Leo Hendrik Baekeland wohl kaum träumen lassen, welchen Siegeszug seine Erfindung „Bakelit“ antreten würde. Vermutlich hatte er auch keine Alpträume bezüglich der dunklen Seite seiner Erfindung, die so praktisch und unkompliziert schien: Verwendet wurden die ersten vollsynthetischen Kunststoffe für Telefone, Toaster oder Föhne und weil sie sich so vielfältig einsetzen ließen stieg deren weltweite Produktion unaufhaltsam. Lag sie Mitte des 20. Jahrhunderts noch bei einer Million Tonnen, sind es heute pro Jahr bereits mehr als 300 Millionen Tonnen. Tendenz steigend, gerade in Asien. Die Hälfte davon wird für den einmaligen Gebrauch produziert.

Das Meer als Müllkippe

Doch die Vorteile von Plastik kehren sich bei der Entsorgung in das Gegenteil um. Wird Plastik nicht ordnungsgemäß verbrannt oder recycelt, dann braucht es nicht nur Jahre, sondern teilweise Jahrhunderte, bis es sich vollständig zersetzt hat. Schätzungen zufolge kann das bei Plastik- flaschen bis zu 450 Jahre dauern. Zu einem bedrohlichen Problem werden die riesigen Mengen an Plastik, die in den Ozeanen landen. Forscher vermuten, dass sich bereits 100 bis 150 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren angesammelt haben und jährlich kommen etwa neun Millionen Tonnen dazu. Von diesem Plastikmüll sinken rund 70 Prozent auf den Meeresboden; was an der Ober- fläche schwimmt, ist nur die Spitze des Eisbergs. Mehr als zwei Drittel des Plastikmülls stammen aus Asien, unter anderem aus China, Indonesien und Thailand. Da die Abfallentsorgung in diesen Ländern meist nicht funktioniert landet der Plastikmüll auf offenen Müllhalden und wird von dort durch Wind und Regen in die Flüsse getragen. Diese spülen den Plastikmüll dann ins Meer. Dort werden die Plastikteile zur Gefahr für Seevögel und Meeresbewohner, indem sie sich darin verfangen, sich daran verschlucken oder die Plastikteile als Nahrung aufnehmen.

Mehr Mikroplastik als Plankton

Denn durch UV-Strahlung, Wellenbewegung und Salz wird Plastik mit der Zeit spröde, brüchig und zerfällt in immer kleinere Teile. Irgendwann sind die Plastikteilchen so winzig, dass man von Mikroplastik spricht (kleiner 5mm). Nach Ansicht von Stephan Lutter, WWF-Experte für Meeres- schutz, befindet sich an manchen Stellen im Meer heute sechsmal mehr Plastik als Plankton im Meereswasser und auch das Plankton selbst reichert feinste Plastikteilchen in sich an. Mikroplastik wird von Fischen, Krebsen und Muscheln und vielen weiteren Meereslebewesen als Nahrung aufgenommen. Da viele Kunststoffe giftige Zusätze wie Weichmacher, Lösemittel oder andere chemische Substanzen enthalten, wird befürchtet, dass Mikroplastik zur Vergiftung der Meeres- lebewesen und über die Nahrungskette möglicherweise auch der Menschen führen kann. Noch mehr: Entscheidend für das Gefahrenpotential der Gewässerverunreinigungen durch Mikroplastik ist dessen Fähigkeit, organische Schadstoffe – beispielsweise die hochgiftigen Perfluorierten Tenside (PFT) – wie ein Magnet anzuziehen, diese an sich zu binden und derart weiter zu transportieren. „Fische fressen Mikroplastik, wir essen kontaminierte Fische“, bringt Professor Andreas Fath, Rhein-Schwimmer und Chemie-Professor, das Problem auf den Punkt. Forscher vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven haben mittlerweile Mikroplastik in Fischen aus Nord-und Ostsee nachgewiesen.

Mikroplastik aus Fleece-Jacken und Zahnpasta

Auch wenn der Großteil des Plastikmülls aus Asien stammt, können die Verbraucher in Deutschland ihre Hände noch längst nicht in Unschuld waschen. Nach einer neuen Untersuchung der Weltnaturschutzunion (IUCN) verschmutzt auch Mikroplastik aus synthetischer Kleidung und Autoreifen in einem bislang nicht bekannten Ausmaß die Ozeane. Die winzigen Teilchen reiben sich beim Waschen, beispielsweise von Fleece-Jacken, oder beim Autofahren permanent ab. Über Abwasser, Wind oder Regenwasser gelangen diese dann ins Meer. Hinzu kommt dann noch das sogenannte primäre Mikroplastik, das sich in Zahnpasta und Kosmetik findet. Dabei handelt es sich um sogenannte „Microbeads“, Kunststoffformkörper im Mikrometerbereich, die vor allem als Zugaben für nahezu alle Arten von Körperpflegeprodukten – von Peelings über Sonnencremes bis hin zu Zahnpasten –hergestellt werden. Da verwundert es kaum, wie allgegenwärtig Mikroplastik zwischenzeitlich ist. Weltweit findet es sich nicht nur im Wasser von Flüssen, Seen und Meer, sondern auch im Sand und im Sediment am Meeresboden. Auch in der Arktis ist das Mikroplastik bereits angekommen und könnte dort Auswirkungen auf die Eisbildung und -schmelze haben. Der Rhein- schwimmer Professor Andreas Fath fand selbst im Wildwasser des Vorderrheins hohe Belastungen mit Mikroplastik. „Denn im Wildwasser des Vorderrheins hat das Mikroplastik keine Chance, sich abzusetzen“, so erklärt er. Besonders hoch waren nach seiner Analyse die Anteile von Polypro- pylen (PP), das zum Beispiel für die Herstellung von „Coffee to go“-Bechern und deren Plastikdeckeln benutzt wird, und von Polyethylen (PE), aus dem Plastiktüten, Tuben und sonstige Verpackungen produziert werden. Angesichts dieser prekären Situation stellt sich die Frage, was jeder Einzelne tun kann. Die Handlungsmöglichkeiten in Sachen Plastikmüll lassen sich mit vier Schlagworten umschreiben: Vermeiden, Verzichten, Informieren und aktiv werden.  Global betrachtet sind sich die Experten einig, dass sich die Vermüllung der Meere nur stoppen lässt, wenn der Eintrag von Land eingedämmt wird. Viele Staaten müssten dafür wirksame Müllververmeidungs- und Müll- managementpläne entwickeln. Eins steht fest: Das globale Müllproblem wird sich nur durch viele Einzelmaßnahmen lösen lassen. Ohne ein weltweites Engagement der Menschen wird das freilich nicht möglich sein.

Was jeder tun kann
Vermeiden Sie: Plastikverpackungen, Plastiktüten und Wegwerfartikel.

Verzichten Sie: auf Zahnpasta und Kosmetika mit Mikroplastik-Kügelchen. Mit der App „Codecheck“ lässt sich leicht feststellen, ob Produkte Mikroplastik enthalten.

Informieren Sie sich: über Giftstoffe im Plastik und meiden Sie besonders Produkte aus PVC (Polyvinylchlorid) und PC (Polycarbonat).

Werden Sie aktiv: Machen Sie bei Müll-Aufräumaktionen mit.

Hilfreiche Links
Bei Litterbase, einer Datenbank vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) kann man Müll melden und sich umfassend informieren http://litterbase.awi.de

Bei http://www.gewässerretter.de kann man Müll nicht nur melden, sondern auch Reinigungsaktionen planen und bewerben.

Die Initiative Take3 ruft dazu auf, bei jedem Strandbesuch 3 Teile Müll mitzunehmen  http://www.take3.org/

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Quelle-Foto: Ferdi Rizkiyanto

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