Bier: Wie sichert man sich regionale Braurohstoffe?

Beer, birra, cerveza – man schätzt Bier rund um den Globus. Entsprechend gibt es nicht nur einen Weltmarkt für das Endprodukt, sondern auch für die Braurohstoffe: Deutsche Mälzereien verarbeiten auch russisches, polnisches oder neuseeländisches Getreide. Was letztlich im Braukessel landet, lässt sich immer schwerer nachvollziehen.

Als Dr. Franz Ehrnsperger die traditionsreiche Neumarkter Lammsbräu übernahm, tat er, was alle Enthusiasten tun: Er machte sich auf die Suche nach qualitativ hochwertigen Rohstoffen, er wollte das Bestmögliche für sein Bier. Fündig wurde er im Öko-Landbau: Hier war der Gehalt an Eiweiß, Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen wie Polyphenolen besonders hoch. Verlockend war zudem die ganzheitliche Denk- und Arbeitsweise, nach der Lammsbräu seit nunmehr über 30 Jahren selbst arbeitet.
Denn neben dem Verzicht auf chemische und synthetische Dünger und Pflanzenschutzmittel überzeugt der Öko-Landbau zudem mit einer Reihe von klimafreundlichen Vorteilen. Im weltweit bedeutendsten Langzeit-Feldversuch (DOK-Versuch) zeigte sich eine höhere Energieeffizienz: Öko-Landbau hat gegenüber konventionellem Anbau einen um 30-50 Prozent geringeren Energiebedarf bei nur 20 Prozent geringerem Ertrag je Hektar. Ökologisch bewirtschafteter Boden emittiert zudem 35 Prozent weniger klimaschädliche Gase und kann zusätzlich durch seinen höheren Humusgehalt deutlich mehr CO2 aus der Atmosphäre binden.

Mühsame Überzeugungsarbeit
In den 1970er und 80er Jahren gab es allerdings kaum erfahrene Bio-Bauern, die die benötigten Mengen hätten anbauen können. Und so leistete Lammsbräu Überzeugungs- und Aufbauarbeit in der Region. Schließlich sollte das Getreide ganz im Sinne der Nachhaltigkeit aus der Umgebung stammen und nicht deutschlandweit eingekauft werden.
Ein eigener Agraringenieur beriet in den Anfangsjahren interessierte Landwirte und begleitete den Umstellungsprozess. Für die Landwirte war das keine einfache Zeit, denn für ihre konventionellen Kollegen waren sie „Spinner“ – schließlich waren Agrarsubventionen und chemische Unkrautbekämpfungsmittel damals en vogue.
Doch die Mühen lohnten sich. 1989 gründeten 24 Landwirte die „Erzeugergemeinschaft für ökologische Braurohstoffe“ (EZÖB) als Zusammenschluss aller Vertragsbauern der Neumarkter Lammsbräu. Das war der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Die EZÖB ist mittlerweile auf 136 Mitglieder angewachsen, die im Umkreis von 100 km rund 4 000 ha Fläche ökologisch bewirtschaften. Im vergangenen Jahr haben sie 1 730 Tonnen verbandszertifiertes Öko-Braugetreide erzeugt. Im Vergleich zum konventionellen Anbau hat Lammsbräu 2013 dadurch 540 t CO2-Äquivalente gespart – das entspricht dem CO2 -Ausstoß von 67 Erdumrundungen per Auto.
Die EZÖB bietet für die Landwirte und Neumarkter Lammsbräu eine Fülle an Vorteilen. Der wichtigste ist, dass sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen. Fünfjährige Rahmenverträge zwischen der Brauerei und den Bauern regeln Abnahmemengen, Preis, Anbausorten und Qualitätsparameter. Die Kernidee ist, dass jeder bekommt, was er braucht. Die Landwirte müssen ihre Betriebe erhalten und für Nachfolger interessant machen können. Dafür benötigen sie Perspektiven in Form von Absatzgarantien und einer fairen und damit überdurchschnittlichen Vergütung. Vor sieben Jahren haben deswegen Fachleute ausgerechnet, was ein Bauer in der westlichen Oberpfalz benötigt, um vernünftig wirtschaften zu können. Zusammen mit den Bauern wurde dann der endgültige Betrag auf fünf Jahre festgelegt, inklusive einer jährlichen Steigerung. Dr. Franz Ehrnsperger über den Erfolg dieser Maßnahme: „Seitdem reden wir nicht mehr über‘s Geld, sondern über Qualität oder Naturschutz. Das ist ein ganz anderes Verhältnis geworden.“

Jährlich mehr als eine halbe Million Euro zusätzliches Einkommen
Und so ist in der Lammsbräu-Initiative „Fair zum Bauern“ festgeschrieben, dass die Brauerei für die Braurohstoffe pro Kiste Bier einen Euro mehr bezahlt als andere Brauereien; das macht jährlich mehr als  500.000 Euro zusätzliches Einkommen für die Bio-Landwirte und sichert die Zukunft bäuerlicher Familienbetriebe.
Welchen Nutzen hat die Brauerei davon? Sie sichert sich durch die EZÖB verlässlichen Rohstoff-Nachschub in allerhöchster Qualität – und zwar aus der Region. Sie hat Partner, mit denen sie ihre Biere weiterentwickeln kann, etwa indem man gemeinsame Anbauversuche besonderer Getreide- oder Hopfen-Sorten unternimmt.
Allerdings ist es nicht das wirtschaftliche Interesse allein, das Partner zusammenhält. Es braucht auch Vertrauen, fairen Umgang miteinander und ein Verständnis für die Situation des anderen. Damit lassen sich dann sogar Krisen gut überstehen und gemeinsame Projekte stemmen.
So haben etwa die heute weit verbreiteten Blühstreifen ihren Ursprung in dieser Kooperation. Kraftvoll kämpfen Brauerei und EZÖB-Mitglieder erfolgreich gegen die Agrogentechnik. Zahlreiche Fortbildungen ermöglichen den Landwirten Wissenszuwachs und auch Austausch untereinander. Langfristige Projekte wie Kulturlandpläne und ein Ackerwildkräuterprojekt setzen immer wieder neue Akzente für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.

25 Jahre faire Partnerschaft
Im Oktober 2014 feierte die „Erzeugergemeinschaft für ökologische Braurohstoffe“ (EZÖB) mit einem Festakt ihr 25-jähriges Jubiläum. Dieser lange Zeitraum ist ein Beleg dafür, wie gut dieses System beiden Seiten tut. Alle Betei-ligten sind Überzeugungstäter, die weiter für die EZÖB und den ökologischen Landbau werben. Mit Erfolg: 2013 kamen sieben neue Mitglieder mit 73 ha Fläche hinzu. Auch an der landwirtschaftlichen Struktur der Region lässt sich dieses Engagement ablesen: Im Landkreis Neumarkt gibt es seit Jahren überdurchschnittlich viele Öko-Betriebe, mit 7,7 Prozent Flächenanteil liegen diese deutlich über dem deutschlandweiten Schnitt von 6,1 Prozent.
Immer mehr Erzeuger ökologischer Lebensmittel interessieren sich für das Prinzip dieser Erzeugergemeinschaft. Aus Sicht der Beteiligten ist es sogar der einzige Weg, wie die Erzeugung von Bio-Lebensmitteln aus heimischen Rohstoffen langfristig gesichert und gesteigert werden kann: partnerschaftlich, fair und transparent für Erzeuger,
Verarbeiter und Verbraucher. www.lammsbraeu.de

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Foto: Lammsbräu

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