“Wer Juden in Frankfurt angreift, greift die Katholiken Frankfurts an!”

Der Frankfurter Stadtdekan Dr. Johannes zu Eltz hat in seiner Predigt im Kaiserdom am 3. August angesichts der jüngsten Übergriffe auf jüdische Mitbürger die Katholiken Frankfurts dazu aufgerufen, die jüdische Gemeinde in Frankfurt und die Frankfurter jüdischen Glaubens konkret zu unterstützen, öffentlich für ihr Recht auf ein unbehelligtes und ungeängstigtes Leben in Frankfurt einzutreten und sich zur Not aktiv und offensiv vor sie zu stellen. Hier ist seine Predigt im Wortlaut:

“Am vergangenen Donnerstag habe ich Lilo Günzler kennengelernt. Das ist eine Frau von gut 80 Jahren aus Schwanheim. Sie hat dort ein tätiges Leben geführt und sich in Gemeinde und Pfarrei hohes Ansehen erworben. Bei einer Gemeindefahrt nach Israel im Jahr 2000 ist Lilo Günzler unter dem wuchtigen Eindruck der heiligen Stätten durch den vielstöckigen Aufbau ihres erwachsenen Lebens gleichsam durchgebrochen bis auf den Grund ihrer Kindheit. Die hat sie nicht in Schwanheim verbracht, sondern im Schatten des Domes, im Wollgraben, als Kind einer jüdischen Mutter und eines, wie man damals sagte, arischen Vaters. Sie hatte noch einen älteren Bruder, Jahrgang 1931, den die Mutter aus der Verbindung mit einem jüdischen Mann in die Ehe brachte. Im Amtsdeutsch der Nazizeit waren der Bruder wie die Mutter „Volljuden“, sie selbst ein „Geltungsjude“ oder „Mischling ersten Grades“. Später, 1944, kam noch ein Schwesterchen hinzu, der zweite „Mischling ersten Grades“. Die Mutter hat ihre Kinder katholisch taufen lassen und in der Domgemeinde großgezogen. Die kleine Lieselotte war ein aufgewecktes Kind, das gut hinschaute und viel mitbekam. Mit 5 Jahren sah sie auf dem Weg in den Kindergarten an der Hand ihrer Mutter die Synagoge am Börneplatz brennen. Die fünfköpfige Familie hat in Frankfurt den Terror der Nazis und den ganzen Krieg überlebt, obwohl die Mutter und der Bruder noch im Februar 1945 mit den letzten Juden Frankfurts deportiert wurden. Die furchtbare und wunderbare Geschichte ihrer Bewahrung hat Lilo Günzler aufgeschrieben. Das Buch heißt „Endlich reden“. Lilo Günzler konnte nämlich bis zu jener Israelfahrt 2000 über ihre Kindheit nicht reden. Mit der Sprache hat sie auch ihre Berufung gefunden. Jetzt ist sie Zeitzeugin von Beruf. Sie möchte, so weit ihre Kräfte reichen, vor allem den Schulkindern erzählen, wie es damals wirklich war, und wie es wirklich nie wieder werden darf.

Am 9. Februar 1945 bekam die Mutter den Deportationsbescheid, den „Transportschein“, für sich und ihren Sohn. Das war, wie die Erwachsenen wussten und die Kinder ahnten, ein Todesurteil. In ihrer Not ging sie ins Dompfarramt zum Stadtpfarrer und bat ihn, sich für sie und ihr Kind einzusetzen. Jakob Herr hat sie in den Räumen im ersten Stock empfangen, die ich heute bewohne. Er hieß sie im Amtszimmer sich hinsetzen, ging in den benachbarten Raum, wo heute mein Esszimmer ist, und schloss die Tür. Jetzt zitiere ich wörtlich aus Lilo Günzlers Buch: „Mama und ich saßen ganz nahe zusammen und hielten uns an den Händen, ich konnte ihren Herzschlag spüren. Ich war voller Zuversicht. In diesem großen Haus muss es eine Ecke oder einen Keller geben, in dem wir uns verstecken konnten. Der liebe Gott lässt es sicher nicht zu, dass wir getrennt werden. Mir kam die Wartezeit ewig vor. Durch die Tür hörten wir den Pfarrer mit irgendjemandem telefonieren. Als er wieder zu uns kam, schüttelte er nur mit dem Kopf. „Ich habe es versucht, es tut mir schrecklich leid, ich kann nichts für sie tun. Mir sind die Hände gebunden. Ich kann ihnen nur anbieten, das Baby in ein katholisches Kinderheim bringen zu lassen. Dort wird es ihm gut gehen.“

Liebe Mitchristen, am 31. Juli 2014, am vergangenen Donnerstag, saß Lilo Günzler bei mir genau an der Stelle und wahrscheinlich auch auf dem Sofa, wo die kleine Lieselotte am 12. Februar 1945 mit ihrer Mutter saß und auf den Bescheid des Pfarrers wartete wie auf ein Gottesurteil. Am Tag nach dem Besuch von Lilo Günzler, am 1. August 2014, stand im Lokalteil der Frankfurter Rundschau, dass jemand mit einer vollen Bierflasche ein Fenster in der Wohnung einer Frankfurter Jüdin eingeworfen hat und, von dieser von oben zur Rede gestellt, hinauf schrie: „Judenschwein!“ Das war nur der letzte in einer ganzen Reihe von Attacken in Frankfurt, die offensichtlich antisemitisch motiviert waren. Ich habe wahrgenommen, dass Juden in Frankfurt eshalb sehr verunsichert sind und sich ängstigen. Ende der vorvergangenen Woche hat die Polizei einem der Rabbiner empfohlen, sich am Sonntag nicht auf der Straße sehen zu lassen. Die Ausbrüche von gewaltsamem oder gewaltbereitem Judenhass in Frankfurt stehen, daran ist nicht zu zweifeln, in Zusammenhang mit dem Konflikt im Gazastreifen, zu dem sich natürlich auch Juden und Muslime in Frankfurt mit Leidenschaft verhalten. Katholischen Christen hierzulande ist es völlig unbenommen, sich dazu unterschiedlich zu positionieren und zu äußern. Was katholische Christen nicht können, ist, den unseligen Konflikt im Gazastreifen zum Vorwand zu nehmen, um Ausbrüche von Judenhass in Frankfurt zu relativieren und durch Gleichgültigkeit oder gar Feindseligkeit den jüdischen Mitbürgern gegenüber den Tätern das Geschäft zu besorgen. Ich bitte Sie als Bischöflicher Kommissar und Stadtpfarrer eindringlich, dass Sie nach allen Ihren Möglichkeiten die jüdische Gemeinde in Frankfurt und die Frankfurter jüdischen Glaubens konkret unterstützen, öffentlich für ihr Recht auf ein unbehelligtes und ungeängstigtes Leben in Frankfurt eintreten und sich zur Not aktiv und offensiv vor sie stellen. Ich habe das in die Formel gegossen: „Wer Juden in Frankfurt angreift, greift die Katholiken Frankfurts an!“ Ich bitte Sie: Helfen Sie dazu, dass dieses Wort Hand und Fuß bekommt und den Juden in Frankfurt und ihren Feinden glaubwürdig wird – den einen zum Trost, den anderen zur Warnung. Der Stadtpfarrer Jakob Herr hatte die Mutter und den Bruder von Lilo Günzler nicht vor der Deportation retten können, weil ihm, wie er sagte, die Hände gebunden waren. Er hatte ja recht. Dieser aufrechte und tapfere Pfarrer konnte nichts machen. Er hatte dem Terror des Nazistaates auch 3 Monate vor dessen Untergang nichts entgegenzusetzen, weil er isoliert und machtlos war. Ich träume davon: Wenn sich ab 1933 die 100.000 Katholiken Frankfurts ernstlich neben und vor und hinter ihre jüdischen Mitbürger gestellt hätten, und ernstlich gegen ihre Häscher und Mörder, dann wären nicht 30.000 von ihnen verfolgt und gequält und am Ende deportiert und ermordet worden. Heute gibt es 150.000 Katholiken in Frankfurt. Juden gibt es hier nicht mehr viele. Wenn sie jetzt Angst bekommen, auf die Straße zu gehen, dann haben wir wiederum Anlass und Auftrag, uns für sie einzusetzen. Das ist jetzt unsere zweite Chance. Eine dritte bekommen wir nicht. Lassen sie uns um Himmels willen endlich das sein, was wir immer sein wollen, nämlich die jüngeren Brüder und Schwestern der Juden; Geschwister, die in der Not zusammenrücken und auf die man sich wirklich verlassen kann. „Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen!“ sagt Jesus (Mt 14, 16). Die Frankfurter Juden dürfen nicht weggehen! Wir aber müssen mit ihnen teilen, was wir haben, nämlich Sicherheit, und ihnen geben, was sie brauchen: Liebe.”

www.frankfurt.bistumlimburg.de

Kommentar zum Thema Antisemitismus von Roland Tichy