Theater muss flüchtig sein

Fabian Schwarz hat seine Passion zum Beruf gemacht. Seit 28 Jahren tourt er als Schauspieler durch Deutschland. Sein Zelttheater Comoedia Mundi gehört zu den wenigen Wander-Ensembles, die in den Zeiten der permanent verfügbaren Massenmedien überlebt haben. Quell-Redakteurin Antonia Bäzol hat sich im harten Theateralltag umgesehen.

Nach dem vierten Glockenschlag macht sich das Publikum bereit für den Weltuntergang. In einer Art Zirkuszelt sitzen 25 Zuschauer auf wackligen Holzbänken, deren Alter auch die zehnte Lackschicht nicht verbergen kann. Der Techniker dämmt das Licht und lässt den ersten Scheinwerfer auf die Bühne leuchten.
Bekleidet mit einem hellblauen Nachthemd sitzt eine junge Frau auf einem Stuhl und starrt in das Publikum. Stockend fängt sie an, ihre Geschichte zu erzählen: „Am Montag bin ich zur Arbeit gefahren. Als ich auf dem Parkplatz ankam, war keiner da. Weder Autos, noch meine Kollegen. Erst jetzt fiel mir auf, dass auch die Straßen menschenleer waren.“ Ihre Stimme wird laut und schrill: „Ich bekam Panik! Ich rannte zu meinem Wagen.“
Eine globale Seuche hat die Weltbevölkerung bis auf 50.000 Menschen fast vollständig vernichtet. Eva Piczien ist eine der wenigen Überlebenden und erzählt, wie sie die Katastrophe überstanden hat.
Sie schreit: „Ich raste nach Hause und schloss mich vier Tage in meiner Wohnung ein, bis mich der Hunger hinaustrieb. Von da an kämpfte ich neun Jahre lang mit den Ratten um Wasser und Essen.“ Der Scheinwerfer geht aus.
Während die Schauspieler im Dunkeln das nächste Bühnenbild aufbauen, sehen die  Zuschauer kaum mehr als ihre Umrisse und hören ihre Schritte auf der Holzbühne knarren. Dabei bläst der Wind um das 150-Mann-Zelt und lässt die Wände große Wellen schlagen und bedrohliche Töne von sich geben. Es ist etwa 21 Uhr am Frankfurter Mainufer und das Ensemble des Zelttheaters Comoedia Mundi spielt das Stück „Aufstieg und Fall der Stadt Passau“ – frei nach dem Roman „Der Untergang der Stadt Passau” von Carl Amery.

Fahrendes Volk ist selten geworden
Das Wandertheater – die Urform unserer heutigen Theater – ist fast ausgestorben. In Deutschland existiert nur noch eine Handvoll, unter anderem das von Fabian Schwarz 1983 gegründete Schauspielensemble Comoedia Mundi.
Mit Zelt, Theatertechnik, Büro und Hausstand machen sich Schwarz und sein Team vom bayerischen Trautskirchen aus jeden Frühsommer auf die Reise durch Deutschland. In diesem Jahr waren sie schon in Frankfurt und Nürnberg. Regensburg und Landshut werden die letzten Stationen der Saison sein, womit Comoedia Mundi insgesamt vier Monate auf Tournee ist. Derzeit zählt das Ensemble sechs Mitglieder: Fabian Schwarz, Loes Snijders und den Theatertechniker Daniel Schreeb, die jedes Jahr mit dabei sind. Die anderen drei Schaupieler wurden eigens für das Stück „Aufstieg und Fall der Stadt Passau” eingestellt. Schwarz sitzt in einem alten Wollpullover und ausgewaschener Jeans im Cafewagen der Comoedia Mundi. Mit verschränkten Armen lehnt sich der 53- jährige an den Stuhl und erklärt, wie er sein Handwerk versteht: „Ein Theater muss flüchtig sein, flüchtig wie der Moment, den man spielt. Nur so bleibt man in Erinnerung.“ Und so reist das Ensemble nach etwa vier Wochen wieder in die nächste Stadt und führt dem nächsten Publikum ein „gutes Stück“ vor, hinter dem jeder Schauspieler auch persönlich steht.
Mit den Jahren seien die Zuschauer allerdings weniger geworden. Das Publikum habe sich ganz und gar verändert, stellt Schwarz fest. „Der Kulturkonsum ist heutzutage einfach und schnell abrufbar. Internet, Fernseher, DVD, … Die Folgen, die dieses Bombardement hat, sind für uns verheerend: Die Leute nehmen sich keine Zeit mehr für unser Schauspiel – zwei Stunden Minimum benötigen wir – und sind aufgrund dieses enormen Medienangebotes viel schwerer zu erreichen.“
Um allein die Schauspieler bezahlen zu können, benötigt Schwarz pro Abend
etwa 50 bis 60 Gäste, doch heute sind, wie so oft, nur halb so viele da. Förderung bekommt Comoedia Mundi im Vergleich zu feststehenden Theatern nur wenig (siehe Infokasten). Schwarz lebt am Existenzminimum.

Gemeinsam das Beste erreichen
Drei Wände, ein Tisch mit Plastik-Buffet und drei Stühle stellen das prunkvolle Staatsbankett im Passauer Rathaussaal dar. „Lasst Festtrompeten dröhnen zum Wohl der neuen Freunde, der GESANDTEN“, verkündet die Fürstin hoheitsvoll. Dann schreitet sie zusammen mit dem Hofdiener und der Pagin zum Bühnenrand und sie besingen das Wohl Passaus mit dem Chorlied GIOIA ETERNA. Anfangs noch leise und fast schüchtern steigern sich die Schauspieler dreistimmig in immer kraftvollere Töne und Klänge, um das Ende des Liedes wieder sanft ausklingen zu lassen.
Ob Kulissen, Technik oder Darsteller: Comoedia Mundi versteht es, die gegebenen Ressourcen so gut wie möglich zu nutzen. Die ausgebildeten Schauspieler sind nicht nur Sänger und Tänzer, sie sind auch Flickschneider und Klempner. Das, was Comoedia Mundi nicht hat – Geld – wird von den Mimen als Eigenleistung abverlangt. Und so trifft man Theaterleiter Schwarz auch mal unter der Spüle des Cafewagens die Rohre reparieren. „Die Idee dieses Theaters ist ja auch, zusammen etwas zu schaffen und zu versuchen das Beste herauszuholen, was in den einzelnen an Möglichkeiten steckt“, erklärt Schwarz.
Ob die Theatertruppe nächstes Jahr auch noch auftreten kann? „Die Abrechnung kommt immer erst am Schluss“, sagt Schwarz und wehrt damit jede weitere Spekulation ab.

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