Gedanken zur Buchmesse

„Die Welt gehört denen, die nicht nach links oder rechts denken, sondern nach vorn.“

Über dieses Zitat eines Redakteurs einer namhaften Wochenzeitung bin ich gleich am ersten Tag meines Rundgangs über die Frankfurter Buchmesse gestolpert. Es fiel mir derart eklatant in die Augen, dass ich sofort wusste, das gibt der Aufhänger für meinen Bericht. Auch an den übrigen Tagen bin ich an diesem Stand vorbeigekommen und habe diesen Ausspruch immer wieder gelesen und auf mich einwirken lassen. Ich hoffe und wünsche sehr, dass der Autor diese Aussage nicht so gemeint hat, wie sie bei mir angekommen ist. Ich assoziiere damit, sich dem Mainstream anzupassen, nicht nach rechts oder links und schon gar nicht quer zu denken. Denken ohne Rücksicht auf Verluste, Denken ohne Nachhaltigkeit und Befürwortung der Globalisierung, Denken im Sinne des Kommerzes. Auch die Mehrheit der Messebesucher passte sich dem Mainstream an und die Hallen 3 und 4 (Literatur und Sachbuch) und insbesondere die Stände der großen Verlage und Verlagskonzerne waren so sehr stark frequentiert, dass man sich nur mit Mühe fortbewegen konnte und man vor lauter Menschen fast keine Bücher mehr sah. Die kleinen Verlage und Verlagsgruppen wurden dagegen kaum beachtet. Dabei hatte man hier teilweise die Möglichkeit, mit dem Verleger selbst zu sprechen, über deren Sorge und Nöte, dem wachsenden Konkurrenzdruck, sowohl durch die Konzerne als auch durch den Online-Handel bedingt, zu erfahren.

Man konnte auch erfahren, wieviel Aufwand es bedeutet, ein eigenes Buch auf den Weg zu bringen. Dasselbe gilt auch für die Lesungen und Gespräche mit den unbekannten Autoren, die ihre eigene Lebensgeschichte in ein Buch verpackt haben und auf diesem Wege versuchen, dieses öffentlich zu machen. Wenig Beachtung fanden auch die Stände der ausländischen Verlage und in den entsprechenden Hallen ging es relativ ruhig zu, wobei sich auch ein Blick hierein gelohnt hätte. Als regelmäßige Buchmessebesucherin ist mir aufgefallen, dass die Zahl der kleinen Verlage und Verlagsgruppen sehr geschrumpft ist und ich habe einige, von mir sonst immer besuchten, vermisst. Dies trifft auch für das Fehlen einer Tageszeitung sowie eines beliebten Kinderbuchverlages zu. Der Gedanke liegt nahe, dass dieses Fernbleiben aus Kostengründen erfolgt, dass kleinere Verlage und auch besagte Tageszeitung die Kosten für einen Buchmessestand in bevorzugter Lage nicht mehr aufbringen können. Größer geworden ist die Zahl der Self-publishing-Verlage und die entsprechenden Kurzvorträge fanden viele Interessenten. Größer geworden ist auch die „Non-Book-Area“, in der man schon vom ersten Tag an von Ansichtskarten bis Kinderspielzeug kaufen und dem Konsum frönen konnte, während man bei den Büchern bis Sonntag warten musste.

An prominenten Gästen seien nur stellvertretend Kenn Follett und Herta Müller genannt. Der von einer Tageszeitung zum Weltbestsellerautor erklärte Kenn Follett las in einem völlig überfüllten Zelt, das nicht für alle Zuhörer Platz hatte und viele draußen vor dem Zelt standen. Ihm wurden auch in der Presse mehrere mehrspaltige Artikel gewidmet. Die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller dagegen, die Wahres, aber wenig Angenehmes und Erfreuliches aus Ihrem Leben erzählte, musste sich mit weniger Publikum und weniger Presseaufmerksamkeit begnügen. Auch hier gilt, dass erfolgreich ist, was vielen gefällt.

Der diesjährige Ehrengast Finnland fand beim Publikum wenig Beachtung. Das Finnlandforum, in dem auf riesigen blauen Flächen weiße Schneeflocken stilisiert wurden, war eine Oase der Ruhe. Im Café Finnland konnte man in weißen Schaukelstühlen oder auf weißen Hockern einen Kaffee genießen, in Ruhe einen Vortrag hören und in den Büchern blättern, ohne dass man angerempelt und weitergeschoben wurde. Außerdem konnte man hier die Mumins, nilpferdartige Trollwesen, bewundern. Auch der rote finnische Bibliotheksbus „ Skidi“, ebenfalls mit Mumins verziert auf der Agora zog das Publikum an. In seinem Inneren gab es sowohl Erwachsenenliteratur als auch Kinderbücher, teilweise auch in deutscher Übersetzung und die Leseecke im hinteren Bereich des Busses bot ebenfalls eine ideale Rückzugsmöglichkeit vom allgemeinen Messerummel.

Am Samstag, dem ersten Publikumstag, hatte ich die Möglichkeit, die Messe mit den Augen eines Kindes zu betrachten. Wie jedes Jahr hatte ich meine Enkelin, mittlerweile fast sechs Jahre alt, dabei. Wir waren ausschließlich in der Kinderbuchabteilung und ich habe ihr das eine und andere Buch vorgelesen. Ihre derzeitige Heldin ist Pipi Langstrumpf (wer sonst?) und das Lied ” ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt“, habe ich nicht nur auf der Messe gehört. Pipi Langstrumpf als Vorbild gegen das Angepasste, gegen das Mainstreamdenken, eine ausgezeichnete Querdenkerin. Gut gefallen haben ihr auch die vielen Menschen, die in „ Fastnachtskostümen“ verkleidet waren, d. h. die vielen jungen Menschen, die als „Cosplayers“ in selbstgenähten bunten Kostümen Motive aus den verschiedenen Büchern darstellen und die für das Auge ein wohltuender Kontrast zum „Messeschwarz“ der Aussteller und vieler Besucher waren und die sich auch bewusst vom Mainstream absetzten.

Als deutliche Zeichen, dass man sich nicht unbedingt dem Mainstream anpassen muss sehe ich die Entscheidung des Nobelpreiskomitees zugunsten des auch in seinem Heimatland nicht sehr bekannten französischen Schriftstellers Patrick Mondiano an Stelle eines anderen sowohl in Frankreich als auch in der Welt bekannten Franzosen sowie die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an den „ eminenten Kritiker des Internetzeitalters Jaron Lanier. Beide Entscheidungen sind in der Presse nicht unumstritten und wurden auch entsprechend kritisiert.

Helga Ranis