Endspiel um den tropischen Regenwald

Endspiel ist ein starker Begriff, es geht um alles, um den Show Down. Diese Assoziation wollte Claude Martin vermutlich auch hervorrufen. Denn bei dem Thema tropische Regenwälder steht viel auf dem Spiel.

Mit seinem 34. Bericht an den Club of Rome mit dem Titel „Endspiel. Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können“ will der langjährige Generaldirektor des WWF International wachrütteln.  Bei der Vorpräsentation des Berichts am 20.Mai im HVB-Forum in München, skizzierte der Schweizer Biologe und Umweltschützer prägnant und klar die wichtigsten Eckpunkte seines Berichts.

Dass sein Weckruf, zumindest bei den Medien, anlässlich der offiziellen Buchpräsentation am Tag darauf in Berlin angekommen ist, zeigen die Schlagzeilen:

„Endspiel am Amazonas“
„Traurige Tropen“
„Club of Rome: Wir sind im Begriff den Regenwald aufzuessen“
„Club of Rome warnt vor Untergang der Tropenwälder“
„Club of Rome warnt: Regenwälder in akuter Gefahr“

Interessanterweise war der Auslöser für sein Buch ein französischer Tropen-Botaniker, der anlässlich einer Konferenz in Genf vor drei Jahren die Behauptung aufstellte, es gebe keine Primärwälder mehr. Für Claude Martin war klar: Diese Aussage stimmt nicht! Als Experte in Sachen Tropenwälder wollte er es aber nun genau wissen. In den letzten 15 Jahren sind zum Thema tropischer Regenwälder zwar eine Flut von wissenschaftlichen Studien erstellt worden, doch fehlte die Gesamtsicht.

Die will sein Bericht nun liefern. Das Spektrum reicht dabei von der Dynamik der regional verschiedenen Ursachen der Entwaldung, der Bedeutung der immensen Biodiversität bis zum Thema wie die Regenwälder auf den Klimawandel reagieren werden.

Die Hälfte des Tropischen Regenwaldes ist schon verschwunden

Die zentrale Botschaft seines Berichts lautet: Der Klimawandel und die industrielle Landwirtschaft werden immer stärker zum Waldkiller.  In den vergangenen 30 Jahre ist bereits die Hälfte aller tropischen Waldbestände verschwunden. Zwar gibt es noch Primärwälder und die verbliebene Gesamtwaldfläche am Amazonas in Zentralafrika und in Asien umfasst noch rund eine Milliarde Hektar, eine Fläche größer als die USA. Aber wenn die aktuellen Entwaldungstrends anhalten, werden in den nächsten 35 Jahren tropische Regenwälder von der doppelten Größe Spaniens verschwinden.

Während es im 20. Jahrhundert noch schwierig war, das Ausmaß der Vernichtung überhaupt richtig einzuschätzen, kann man es nun seit kurzem sozusagen live miterleben. Die farbigen Satellitenbilder, die Claude Martin den rund 260 Zuhörern präsentierte, machen betroffen. Statt grün sieht man buchstäblich nur noch rot. Wie Geschwüre fressen sich die Sojaplantagen und Viehweiden im südlichen Amazonasbecken in die grünen Paradiese, während es in Indonesien hauptsächlich der intensive Palmölanbau ist, der die Wälder vernichtet. Die kommerzielle Landwirtschaft ist – wie oben schon erwähnt – einer der Haupttreiber der Waldvernichtung. Palmöl, Soja und Rinder: diese Produkte haben einen hohen Preis.

Und während sich in Brasilien die Lage in den letzten Jahren etwas verbessert hatte, unter anderem auch dadurch, dass Greenpeace die zerstörerischen Aktivitäten einzelner landwirtschaftlichen Unternehmen entlarvt hatte und entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen wurden, beschleunigt sich die Entwaldungsrate in Indonesien. Und in Brasilien sind die beachtlichen Erfolge zum Schutz der Regenwälder aktuell wieder massiv bedroht, da durch geplante Gesetzesänderungen, bergbauliche Maßnahmen zur Ausbeutung der Bodenschätze auch in Nationalparks und indigene Schutzgebiete möglich wären.

Aber neben der Landwirtschaft ist es natürlich immer noch der Holzeinschlag, der den Wäldern zusetzt. Für den Laien interessant: auch selektiver Nutzholzeinschlag ist zerstörerisch, denn er führt zur Degradierung der Wälder, die Funktion der Wälder ist beeinträchtigt. Von den rund 403 Mio. ha Wirtschaftswälder stehen aber nur 33 Prozent unter einem Waldmanagement und magere 7 Prozent sind zertifiziert.

Und als ob das nicht schon alles schlimm genug wäre, führt die zunehmende Fragmentierung der verbleibenden Restwälder zu einem erhöhten Artensterben. In einer Studie zur Beobachtung von ausgewählten Vogelarten, die über 25 Jahre hin angelegt war, konnte eine klare Beziehung zwischen der Größe der Fragmente und der Aussterberate aufgezeigt werden. Je kleiner das verbliebene Restwaldfragment, umso höher die Aussterberate.

Eine gefährliche Spirale

Eigentlich wirken die Regenwälder wie eine riesige Kohlenstoff-Senke und damit als Puffer gegen den Klimawandel, aber wenn der Klimawandel nicht gebremst wird, dann werden die Regenwaldgebiete immer trockener und sterben ab, was wiederum das Kippen des Klimas beschleunigt – ein Teufelskreis.  Damit kann man Claude Martin nur zustimmen, wenn er sagt „Das Zusammentreffen von Agrarindustrie, Klimawandel und Zerstückelung der Flächen durch Straßen ist ein tödlicher Giftcocktail“ –  ein Giftcocktail für die Regenwälder und das Klima.

17 Kernbotschaften für die Zukunft

Aber wie heißt es so schön, jammern nutzt nichts, noch ist die Lage nicht hoffnungslos, es lässt sich durchaus gegensteuern und deshalb hat Claude Martin auch 17 Kernbotschaften für die Zukunft erarbeitet. Denn schließlich lautet der Untertitel seines Berichts ja „Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können“.

Die 17 Botschaften oder Maßnahmen hat Claude Martin in 4 Hauptthemen strukturiert.

Beim Thema „Naturschutzprinzipien“ steht neben der Vermeidung und Einschränkung von Ressourcenausbeutung und Waldfragmentierung vor allen Dingen der Schutz der indigenen Völker im Vordergrund. Es ist kaum zu glauben, aber es gibt noch rund 80 nichtkontaktierte Stämme indigener Völker. Die Schutzgebiete für diese Völker sind mindestens ebenso widerstandsfähig gegen Entlaubung wie Naturschutzgebiete.

Will man die „Grundursachen angehen“, so hat die Eindämmung des Klimawandels die absolut höchste Priorität, aber auch die Reduzierung der Lebensmittelverschwendung und die Bekämpfung des illegalen Holzeinschlags sind wichtige Maßnahmen.

Die klassischen Themen, wie Schutzgebiete ausdehnen, die Wiederbewaldung, nachhaltiges Forstmanagement und Zertifizierung fördern, aber auch die Überwachung durch Satelliten stärken, sieht Claude Martin als wichtige Punkte des Hauptthemas „Strategische Direktiven“.

Schließlich brauchen die tropischen Regenwälder „Allianzen und Partnerschaften“, damit sie gerettet werden können. Hier gilt es unter anderem, die positive Rolle des Staates zu unterstützen. Der Staat Brasilien hat in den letzten Jahren eindrucksvoll gezeigt, wie mit den richtigen Strategien und politischen Maßnahmen die Entwaldung wirksam bekämpft werden kann.

Die tropischen Regenwälder gehen uns alle an

Die beiden Schlusssätze von Claude Martin in seinem Buch Endspiel (Seite 295) bringen es auf den Punkt: „ Dabei sollten wir uns immer bewusst sein, dass wir Menschen auch Teil der Biodiversität unseres Heimatplaneten sind und von ihr für immer abhängig bleiben werden. Ohne ihren Schutz wird es auch für unsere Nachkommen keine lebenswerte Zukunft geben.“

Von Claudia Schwarzmaier

Buchhinweis:

Martin, Claude: Endspiel. Wie wir das Schicksal der tropischen Regenwälder noch wenden können. Oekom Verlag, München 2015, ISBN 978-3-86581-708-2