Auszeit. Ein Perspektivenwechsel.

„Was mache ich eigentlich jeden Tag?“ Mit dieser entscheidenden Frage stand im Jahr 2000 für Joseph Wilhelm, Gründer von Rapunzel, seine erste Auszeit fest. Mit einem Perspektivenwechsel wollte er herausfinden, wo und wie er im Leben steht. Und wo ihn sein Weg noch hinführen würde. Er kam wieder.
Ende letzten Jahres entschied er sich ein weiteres Mal für einen Ausstieg aus Alltagsdruck und Vergänglichkeit, um sich wieder richtig zu spüren. Und seinen für ihn persönlich wichtigen Themen mehr Raum zu geben. Im Gespräch mit Gaby Schmidt-Tschida.

Was ist für Dich der entscheidende Punkt bei einer Auszeit?
Joseph Wilhelm: Der Entschluss, eine Auszeit zu wagen und sie dann gut vorzubereiten. In meiner Funktion bei Rapunzel muss und will ich immer alles so regeln, dass ich im „Idealfall“ gar nicht mehr  zurückkommen brauche.
Und jeder Mensch hat arbeits- und beziehungsmäßig „offene“ Themen, die er bearbeiten möchte. Erst dieser „Reinigungsprozess“ bringt den gewünschten Effekt bei einer Auszeit.

Ist es Dir schwer gefallen, Rapunzel loszulassen?
Joseph Wilhelm: Nein, überhaupt nicht. Ich habe großes  Vertrauen zu meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Und das entlastet mich einfach.
In meinem täglichen Leben fühle ich mich oft sehr unter Druck. In den Auszeiten, ob beim meditativen Gehen auf dem Jakobsweg oder während meines Klosteraufenthaltes bei Mönchen in Taiwan, ging es mir nicht darum, Urlaub zu machen, sondern um die Frage: „Welche Themen möchte ich in meinem Leben noch angehen?“ Bin ich bei Rapunzel weiterhin am richtigen Platz oder werde ich doch Vollzeitbauer oder Bildhauer? Ich konnte mir auch vorstellen, Bücher zu schreiben. Doch es hat sich immer wieder herausgestellt, dass Rapunzel einfach mein Thema und meine Aufgabe ist.

Auszeit und Nachhaltigkeit! Wie passt das zusammen?
Joseph Wilhelm: Ich bin davon überzeugt, dass eine Auszeit die Voraussetzung dafür ist. „Nachhaltig“ sind Menschen, ob im Beruf oder privat nur dann, wenn sie mit Hingabe ihr Leben meistern. Und nicht unter den täglichen Belastungen zusammenbrechen. Inspirationen von außen erweitern den eigenen Horizont und helfen dabei, einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, so dass manche Dinge im Alltag wieder leichter werden und mit neuer Energie bewältigt werden können. Kopf, Herz und Bauch sind dann in Einklang.
Übrigens würde ich auch jedem Mitarbeiter eine Auszeit einräumen.
Was verändert sich, je älter man wird?
Joseph Wilhelm: Das Leben vergeht tatsächlich immer schneller. Mit den Auszeiten gehe ich aus Zeitdruck und Vergänglichkeit raus und in eine gewisse Zeitlosigkeit rein.
Für mich geht es auch immer wieder darum, aus dem intensiven Arbeits- und Sozialleben einmal auszusteigen. Aus den ganzen Verpflichtungen und Erwartungen. Ich bekomme eine andere Selbstwahrnehmung. Und konfrontiere mich mit mir selbst. Zum Beispiel auch mit Fragen, wie die Reaktion meiner Umwelt auf mich wäre, wenn ich nicht diese Funktion bei Rapunzel hätte. Und das muss ich ganz alleine mit mir ausmachen. Das bedeutet dann wirklich Auszeit. QC30L02

Unternehmens- Portrait
Rapunzel Naturkost ist einer der führenden Bio-Hersteller in Europa. Begonnen hat alles ganz klein: 1974 gründeten Joseph Wilhelm und Jennifer Vermeulen eine Selbstversorger-Gemeinschaft auf einem Bauernhof mit kleinem Naturkostladen im bayerischen Augsburg. Daraus hat sich in den fast 40 Jahren Unternehmensgeschichte ein international agierendes Unternehmen mit 300 Mitarbeitern entwickelt. Die Idee ist stets die gleiche geblieben: kontrolliert biologische, naturbelassene und vegetarische Lebensmittel herzustellen.