Trinkwasser – das beste Lebensmittel?

Wer in die deutschen Medien hineinschaut wird schnell feststellen, dass diese Botschaft Konsens ist: „Deutsches Trinkwasser ist besser, ökologischer und auch noch preiswerter als Mineralwasser“ – und das „bestkontrollierte Lebensmittel“ sei es sowieso. Doch die Fakten sehen anders aus. Von Manfred Mödinger.

Eine Auswertung des Autors der aktuellen staatlichen Berichte aus vier Bundesländern zeigt, dass insbesondere die konventionelle Landwirtschaft zu einer nicht mehr übersehbaren, flächendeckenden Wasserverschmutzung führt. So meldet Bayern in 5,9% aller Grundwassermessstellen Nitratgehalte über dem Trinkwassergrenzwert von 50 mg/l. In Baden-Württemberg sind es landesweit 10,2% aller Messstellen, Nordrhein-Westfalen meldet 13,9% und im Paradeland der Massentierhaltung, in Niedersachsen, überschreiten mehr als 20% aller Messstellen den Grenzwert.

Dabei sagen diese landesweiten Durchschnittswerte, in die auch relativ unbelastete Regionen wie Schwarzwald, Alpenraum oder Sauerland eingehen, nur die halbe Wahrheit. Einzelne Landkreise in NRW liegen bei 40% aller Messstellen über 50 mg/l Nitrat und in Niedersachsen gibt es große Wasserwerke mit keinem einzigen Brunnen mehr, der noch gesetzeskonform getrunken werden könnte.

Ebenso finden sich in den Wasserproben Rückstände der Pflanzenschutzmittel und ihrer „Abbauprodukte“, die in relevant und nichtrelevant eingeteilt werden. Im Lichte des geringen Wissens um die Wirkungen dieser Abbauprodukte wirkt dies geradezu zynisch. Hier haben bisher nur die süddeutschen Bundesländer Daten veröffentlicht und diese zeigen Nachweise in bis zu 50% aller Messstellen. Angesichts der Tatsache, dass an der Spitze der Nachweise ein seit 1991 verbotenes Maispestizid steht, fordert das Bayerische Landesamt für Umwelt, „das Atrazin-Anwendungsverbot endlich zu überwachen und Verstöße zu ahnden.“ Das war offenbar bisher nie der Fall.

Sind die Folgen der industriellen, konventionellen Landwirtschaft längst flächendeckend im Trinkwasser angekommen, treten andere Probleme erst punktuell auf. Eine Prüfung von 57 risikobasiert ausgewählten Grundwassermessstellen in Baden-Württemberg zeigte bei 86% Rückstände von künstlichen Süssstoffen, die ihren Ursprung vor allem in kalorienreduzierten Erfrischungsgetränken haben. 78,6% enthielten perfluorierte Tenside und 42,1% glänzten mit Arzneimittelrückständen und Röntgenkontrastmitteln.

Das Wasser vergisst nie was man ihm antut.

Verbraucherschutz & industrielle Landwirtschaft: ein seltsames Bündnis

Doch selbst in Artikeln, die diese Fakten sachlich darstellen, erdreisten sich Verbraucherschützer das hohe Lied des besten Lebensmittels zu singen: „Keiner muss Mineralwasser in der Flasche kaufen“, heißt es etwa in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 29.12.2014. Es ist eine seltsame Allianz aus Bauernverbänden, Umwelt- und Verbraucherschützern die mit aller Macht das Märchen des perfekten Trinkwassers erzählen will. Die einen wollen sich ihre profitable Wirtschaftsweise nicht kaputtmachen lassen, während die anderen nicht zugeben können, dass sie sich geirrt haben. Und so entwickeln sich Menschen, die sonst um jede Biokarotte kämpfen zu den Stützen der industriellen Landwirtschaft.

Und auch die Phrase vom „bestkontrollierten“ Lebensmittel ist ein Märchen. So zeigte der bayrische Bericht, dass es 15% aller Wassergewinnungsanlagen noch nicht einmal schaffen, Nitratwerte im Wasser zu melden. Eine Kontrolle auf Pflanzenschutzmittel findet nur „stichprobenweise, etwa in Abständen von 5 Jahren statt“ und nichtrelevante Metabolite werden überhaupt nicht untersucht.

Ein Blick in die Trinkwasserverordnung zeigt, was wirklich gilt. Das angeblich bestkontrollierte Lebensmittel braucht nur auf Pestizide untersucht zu werden: „deren Vorhandensein (…) wahrscheinlich ist“. Während der ahnungslose Trinkwasserkonsument denkt, beim Überschreiten eines Grenzwertes würde auf andere Quellen umgestellt, wird er nach Lektüre der Paragraphen 9 und 10 eines Besseren belehrt. So wird ein sofortiges Eingreifen des Gesundheitsamtes nur dann verlangt, „wenn die Gesundheit der betroffenen Verbraucher gefährdet ist.“ Diese direkte Gefahr besteht nahezu immer nur beim Eindringen von Fäkalkeimen in die Brunnen, aber nie bei landwirtschaftlich-chemischer Langzeitverschmutzung.

Dabei gibt es Kuriosa, die kaum bekannt sind: So darf ein Mineralwasser das seine Eignung zur Babynahrung auslobt u.a. nicht mehr als 10 mg/l Nitrat und 0,02 mg/l Nitrit enthalten. Die meiste Babynahrung in Deutschland wird jedoch mit Trinkwasser aus der Leitung zubereitet, bei dem (oft noch nicht einmal eingehaltene) Grenzwerte von 50 mg/l für Nitrat und 0,5 mg/l für Nitrit gelten.

Während einen Mineralbrunnen bei Überschreitung der Grenzwerte sofort die Lebensmittelüberwachung verfolgt, spielt all das bei Trinkwasser keine Rolle. Eigentlich müssten Warnschilder an viele deutsche Wasserhähne.

 Mineralwasser – ein Problem muss zur Chance werden

Der „Tsunami der Wasserverschmutzung“ hat auch die deutschen Mineralbrunnen längst voll erwischt. Es ist auch kein Wunder, denn nahezu alle Mineralbrunnen sind Teil des globalen Wasserkreislaufs, selbst wenn es manchmal Jahrhunderte dauern mag, bis unser aller Umweltverschmutzung diese Quellen erreicht hat.

2011 zeigte Ökotest erstmals das Ausmaß der Problematik auf. In knapp 30% aller 136 getesteten Mineralwässer konnten zumindest Spuren der „nichtrelevanten“ Pestizidabbauprodukte (nrM) gefunden werden. 2014 zog die Stiftung Warentest nach und fand in 10 von 30 untersuchten Mineralwässern die sogenannten „anthropogenen Spurenstoffe“ (nrM, Süßstoffe u.a.). Betroffen waren Vertreter der Elite der deutschen Markenmineralwässer.

Damit zerbrach die über Jahrzehnte wie eine Monstranz von der Branche vorgetragene Fiktion einer chemischen „ursprünglichen Reinheit“ in der keine Spur von Verschmutzung zu finden sei. Doch die medialen Angriffe auf die Brunnen schlugen die Opfer und nicht die Täter. Bisher haben sich die Brunnenbetriebe gescheut, aktiv gegen die Brunnenvergifter mobil zu machen. Der erste ernsthafte Vorstoß oblag einem Außenseiter, dem Bio-Pionier Neumarkter Lammsbräu, dem es Ende 2012 gelang vor dem Bundesgerichtshof die Nutzung des Begriffs „Bio-Mineralwasser“ durchzusetzen. Mit dem ganzheitlichen Konzept der Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser e.V., neutral bio-zertifiziert, entstand eine neue Top-Qualitätskategorie für Mineralwasser in Deutschland.

Auf in den Kampf: Der ökologische Landbau ist die Lösung

Die beteiligten Mineralbrunnen wollen öffentlich verdeutlichen, wer hinter den Problemen steht und den Staat zum Handeln drängen. Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Großteil der Verschmutzungen von Trink- und Mineralwasser seine Ursache in einer industriellen Landwirtschaft hat, die mit ihrer Massentierhaltung Unmengen an Gülle entsorgt.

  • die die Gärreste ihrer Biogasanlagen – ohne jede Auflage – in direkter Brunnennachbarschaft auf den Feldern „verklappt“.
  • die mit flächendeckendem Maisanbau (als Futter für Tiere und für Biogasanlagen) eine Agrarsteppe schafft und mit dem energieintensiv produzierten Stickstoffdünger massiv den Klimawandel fördert.
  • die, wie der Lehrstuhl für Ressourcenstrategie der Universität Augsburg mitteilte, mit über 1 Mio. Tonnen Phosphatdünger pro Jahr in der EU inzwischen fast 100.000 Tonnen Uran auf den Feldern zurückgelassen hat.
  • die allein in Deutschland fast 35.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel pro Jahr auf den Feldern ausbringt.

Definitiv steht fest: Der ökologische Landbau löst alle diese Probleme komplett. Hinzu kommt, dass es wesentlich billiger ist, den Landbau umzustellen als hinterher das Wasser aufzubereiten.

Aus diesem Grund stellt die Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser e.V. diese zwei zentralen politischen Forderungen ins Zentrum ihrer politischen Arbeit:

Der Staat muss auch Mineralbrunnen endlich Schutz gewähren.

  1. Die Einzugsgebiete der Brunnen müssen vorrangig auf ökol. Landbau umgestellt werden.

Quellen:

Landesamt für Umwelt: „Grundwasser für die öffentliche Wasserversorgung: Nitrat und Pflanzenschutzmittel – Berichtsjahre 2008 bis 2012“

  • Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg: „Grundwasserüberwachungsprogramm – Ergebnisse der Beprobung 2013“
  • Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz: „Nitrat im Grundwasser – Situation 2010 bis 2013 und Entwicklung 1992 bis 2011 in Nordrhein-Westfalen“

Gewässerüberwachungssystem Niedersachsen (www.umwelt.niedersachsen.de)