Süßwasser – heiß begehrt

„Der Planet war noch nie so durstig“ heißt es im Weltwasserbericht 2015 der Vereinten Nationen. Man könnte es auch anders formulieren: Die Menschheit hat leider immer noch nicht gelernt, mit der wichtigsten Ressource auf diesem Planeten intelligent und nachhaltig umzugehen. Von Claudia Schwarzmaier.

Schuld könnte der Irrglaube sein, das Wasserreservoir der Erde könne nie wirklich versiegen, weil es sich durch den Wasserkreislauf immer selbst erneuert. Ein fataler Irrtum, denn die Nachfrage übersteigt das Angebot. Die Weltbevölkerung hat sich seit 1950 fast verdreifacht, der Wasserkonsum versechsfacht. Bis 2050 wird der Wasserbedarf um weitere 55 Prozent steigen. Mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung werden dann in Gebieten mit starkem Wasserstress leben. Verschärfend kommt hinzu, dass durch Vernichtung von Vegetation, durch Rodung und Planierung regionale Wasserkreisläufe gestört werden und der Regen keine Chance mehr hat, in ausreichender Menge zu fallen.
Haupttreiber des starken Anstiegs des „Wasser-Durstes“ ist neben dem Bevölkerungswachstum insbesondere die Landwirtschaft, die zunehmende Industrialisierung sowie der Bau neuer Kraftwerke.

Die Landwirtschaft ist der größte Wasser-Verbraucher
Die Vereinten Nationen nennen an erster Stelle als Ursache für den weltweit steigenden Wasserverbrauch die Landwirtschaft. Bereits heute werden weltweit rund 70 Prozent des genutzten Oberflächen- und Grundwassers in der Landwirtschaft verbraucht. In manchen Entwicklungsländern sind es sogar bis zu 90 Prozent. Dazu kommt: Viele der landwirtschaftlichen Nutzflächen liegen in semiariden Gegenden mit Trockenzeiten, die aufgrund des Klimawandels vermutlich noch trockener werden.
In vielen Ländern gehen durch veraltete und schlecht gewartete Systeme bis zu 70 Prozent des Bewässerungswassers beim Transport zum Feld verloren. Und zwischen 15 und 35 Prozent des in der Landwirtschaft verwendeten Wassers stammt aus nicht nachhaltigen Quellen.
Beispiel Saudi Arabien: Die Saudis besaßen ein unterirdisches Wasserreservoir, das so groß war wie der Lake Erie, der fünftgrößte See in Nordamerika. Der Aquifer (Grundwasserträger) hat 10 000 Jahre gebraucht, um sich zu füllen. Durch groß angelegten Weizenanbau in der Wüste und den größten Kuhstall der Welt (40 000 friesische Kühe) ist davon innerhalb einer Generation nicht mehr viel übrig geblieben. Nun zieht Riad die Notbremse und von diesem Jahr an wird das fluss- und seenlose Land Weizen wieder einführen müssen. Laut Prognosen wird sich Saudi Arabien bis zum Jahr 2025 zum zehntgrößten Weizenimporteur entwickeln; in den 1980er Jahren war es der zehntgrößte Weizenexporteur.

Sinkende Grundwasserspiegel
In nahezu jedem Land weltweit lassen sich ähnliche Beispiele finden. Auch die chinesische Landwirtschaft übernutzt das Wasser im erheblichen Maße, insbesondere in Nordchina, wo durch die intensive Bewässerung die Grundwasserpegel um bis zu 40 Meter gefallen sind. Aber auch Indiens Kornkammer und der Mittlere Westen der USA sind vom Wassermangel betroffen. Analog zu Saudi Arabien ist in Nordamerika das größte Grundwasservorkommen – der riesige Ogallala-Aquifer (mit einer Ausdehnung von 450 000 km²) – im Begriff auszutrocknen. Der Grundwasserspiegel sinkt jedes Jahr.
Nicht nur in Sachen Wasserverschwendung, auch in Sachen Wasserverschmutzung zählt die Landwirtschaft zu den wesentlichen Verursachern. Egal ob Nahrungsmittel oder Biokraftstoffe angebaut werden, trägt sie erheblich zur Verschlechterung der Wasserqualität bei. Weltweit sind Nitrate die am meisten verbreiteten chemischen Schadstoffe im Grundwasser. Auch in Deutschland werden Nitrate im Grundwasser immer mehr zum Problem. Rund ein Viertel der Grundwasserkörper sind aufgrund einer zu hohen Nitratbelastung in einem schlechten chemischen Zustand.

China: von Verschmutzung besonders betroffen
Doch auch die Industrie und Rohstoffgewinnung treibt den globalen Wasserdurst und verschmutzt in großem Maßstab die Gewässer. Zu den größten Wasserverschmutzern zählt die Textilindustrie. In China erwirtschaften rund 30 000 Unternehmen rund 10 Prozent des Bruttosozialprodukts, scheren sich aber nicht groß um Umweltschutz. Sie leiten die eingesetzten Chemikalien meist direkt in Bäche und Flüsse. Insgesamt werden in China rund 45 000 Arten synthetischer Chemikalien hergestellt und meist ohne Kläranlagen verwendet. Kein Wunder, dass in dem wasserreichen Land 70 Prozent der Gewässer stark verunreinigt sind und in 50 Prozent der chinesischen Städte das Grundwasser verschmutzt ist.
Die Rohstoffindustrie hat seit jeher massive Auswirkungen auf die Ökosysteme. Sie benötigt große Mengen an Wasser und beeinträchtigt oft deren Qualität. Die Liste der Vorfälle bei der Öl- und Gasförderung oder beim Abbau von Kohle und Erz ist lang. In Russland etwa laufen hunderttausende von Tonnen Erdölerzeugnisse ungeklärt in die Flüsse. In Westsibirien weist das Grund- und Trinkwasser der Öl- und Gasfelder eine Konzentration von Schadstoffen auf, die 10 bis 35mal höher ist als die erlaubten Grenzwerte. Dazu kommen Umweltkatastrophen, die  weltweit von der Rohstoffindustrie ausgelöst werden. Beim Dammbruch in Brasiliens Erzmine Samarco im November 2015 ergoss sich eine hochgiftige Schlammlawine aus Schwermetall in den „süßen Fluss“ Rio Dolce. Auf 660 Kilometer wurde aus einer Lebensader der Region ein „biologischer Friedhof“. Der Umweltbiologe André Ruschi geht davon aus, dass es 100 Jahre dauern wird, bis die giftigen Schwermetalle wieder aus dem Fluss verschwunden sind.

Neue Ideen vom „Wassermann”
Doch es gibt überall auf der Welt auch positive Ansätze und Vorbilder. Beispielsweise Rajendra Singh, den „Wassermann“ aus Indien und Gewinner des Stockholmer Wasserpreises 2015. Seine Idee, wie man Regenwasser sammelt und verwaltet, ist richtungsweisend. Auch in China tut sich was, immerhin gibt es den Plan, das Wasser zu verbessern: Bis Ende 2030 sollen über 75 Prozent des Wassers in den sieben großen Flusstälern sauber sein. Doch staatliche Planungen alleine sind zu wenig: Letztlich wird es darauf ankommen, dass sich jeder Einzelne mit dem Thema Wasser bewusster auseinandersetzt.

Weltwassertag 2016 

Seit 1993 wird jeweils am 22. März der Weltwassertag begangen. Ziel dieser Aktion ist es, eine breite Öffentlichkeit auf die Bedeutung des Wassers für die Menschen hinzuweisen. Jedes Jahr steht der Weltwassertag unter einem anderen Schwerpunktthema. Während 2015 das Motto „Wasser und nachhaltige Entwicklung“ lautete, geht es 2016 um „Wasser und Arbeitsplätze“. In Deutschland kürt das Umweltbundesamt an diesem Tag einen „Gewässertyp des Jahres“. 2016 ist es der „Kiesgeprägte Strom“. Am 22. März stellen die Vereinten Nationen auch den Weltwasserbericht vor. Neben vielen Daten und Fakten zur Gesamtsituation der weltweiten Wasser-Ressourcen finden sich zum jeweiligen Schwerpunktthema auch Handlungsempfehlungen für die Staaten.
www.unwater.org/worldwaterday

Wasserfußabdruck 

Bildarchiv Frei-HerrmannDen CO2 Fußabdruck kennt jeder. Noch nicht so bekannt ist der Wasserfußabdruck, mit dessen Hilfe der tatsächliche Wasserverbrauch von Menschen gemessen wird. Dazu zählt zum einen Wasser, das wir direkt nutzen, etwa zum Trinken, Kochen oder Putzen. Es zählt aber auch Wasser dazu, das in Lebensmitteln und allen anderen Produkten enthalten ist und zu ihrer Erzeugung eingesetzt wurde. Dieses indirekte Wasser wird auch als virtuelles Wasser bezeichnet. Durch den weltweiten Handel von Industrie- und landwirtschaftlichen Produkten wird virtuelles Wasser importiert und exportiert. Mit jedem Kilo Reis, Kaffee oder jedem T-Shirt, das Deutschland einführt, ist Wasserverbrauch im Land der Erzeugung verbunden. Eine gute Beschreibung zu diesem Thema findet sich auch auf der Website des Umweltbundesamtes.
www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/wasser-bewirtschaften/wasserfussabdruck

 

Fotos: Monika Frei-Herrmann | Elias Jerusalem

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