Sonnwend: Ein Lob der Sonne

Lebenselexier Sonne: Wohl kaum etwas vermag uns so sehr aus der Reserve zu locken wie die Sonne. Zur Sommersonnwende am 21. Juni – dem Tag, an dem die Sonne auf der Nordhalbkugel den höchsten Stand erreicht –  ist die richtige Gelegenheit, uns die Sonnenkulte unserer Ahnen ins Gedächtnis zu rufen, aus denen letztlich auch die Medizin entstand.

So waren die ersten geschichtlich erwähnten Mediziner die Hohepriester eines ägyptischen Sonnenkults und die ältesten medizinischen Texte aus Ägypten empfehlen den Menschen, sich der Sonne auszusetzen. Oberste Gottheit im alten Ägypten war der Sonnengott Re und sein Symbol die Sonnenscheibe. Re galt als Schöpfer und Bewahrer allen Lebens.

Viele Kulturen verehrten die Sonne als Gottheit: von den Sumerern, Babyloniern, Phöniziern, Assyrern bis hin zu den Mayas und Inkas, aber auch im alten Indien, China und Japan. Als Vater der Heliotherapie – der Sonnenbehandlung – gilt der griechische Geschichtsschreiber Herodot. Er empfahl Sonnenlicht bei vielen Krankheiten und zur Erhaltung der Gesundheit. Die Griechen nannten das Sich-Sonnen Helios, nach ihrem Sonnengott Helios und nahmen Sonnenbäder zur Körperhygiene. Viele antike Statuen und Reliefs zeigen: Die griechischen Athleten und Olympiakämpfer trainierten nackt. Zum Aufbau ihrer Muskeln und zur Verbesserung ihrer Ausdauer nahmen sie vor und nach dem Training Sonnenbäder.

Die Griechen ließen ihren Sonnenkult auch in die Architektur einfließen. Sie wussten intuitiv, dass zwischen Gesundheit und Bauwerken ein enger Zusammenhang besteht. Der berühmte Heiler Hippokrates empfahl die Ausrichtung von Häusern zur Morgensonne (was sich auch in der christlichen Kultur in der Ausrichtung der Kirchen wiederfindet). Bei den Römern hatte die Sonne einen so hohen Stellenwert, dass es im römischen Gesetzt für römische Hausbesitzer sogar ein “Recht auf Sonne” gab: Jeder, der seinem Nachbarn den Zugang zur Sonne nahm, konnte verklagt werden. Nur das einfache Volk lebte in Rom in dicht bebauten und verschatteten Vierteln mit engen Gassen und sechsstöckigen Mietskasernen.

Die Fresken in Pompeji zeigen Menschen, die auf flaschen Dächern ausgestreckt in der Sonne liegen. Der Geschichtsschreiber Plinius der Ältere empfahl das Sonnenbaden “als die beste aller selbst durchführbaren Maßnahmen”. Er ließ sich ein Haus bauen, in dem er den ganzen Tag die Sonne nutzen konnten – auch im Winter. Er wanderte im Haus und ließ seinen Schreibtische der wandernden Sonne nachrücken.

Mit dem Niedergang des römischen Reiches sank die Sonne in der Gunst der Menschen und die Erkenntnisse der Heliotherapie gingen verloren. In Rom und Griechenland war die Sonnenlichttherapie eng mit der Verehrung der Sonne verbunden. Die frühen Christen führten einen erbitterten Kampf gegen diesen heidnischen Sonnenkult und machten den 25. Dezember, der im römischen Mithraskult der unbesiegbaren Sonne geweiht war, zum Geburtstag von Jesus. Das Wissen um die Heilkraft der Sonne verschwand immer mehr aus dem kollektiven Unterbewusstsein und es begann im wahrsten Sinne des Wortes das dunkle Mittelalter. Nur im Orient gab es noch Ärzte, die das antike Erbe pflegten und ihren Patienten Sonnenbäder verordneten. So zum Beispiel Ibn Sina, genannt Avicenna – der berühmte Arzt, der im Roman “Der Medicus” beschrieben wird.

Im 18. Jahrhundert wurde die Heliotherapie schließlich wiederentdeckt. Der französische Philosoph Rousseau ließ sich davon inspirieren ebenso wie  der deutsche Arzt Christoph Wilhelm Hufeland. Mittlerweile zeigen viele Forschungsergebnisse, dass es einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Sonnenlicht und dem Auftreten bestimmter Krankheiten gibt. “Rund 100 Krankheiten sind mit einem niedrigen Spiegel an Vitamin D verbunden”, bestätigen etwa Experten auf der kalifornischen Internet-Seite www.vitamindcouncil.org. Sonnenlicht ist für die Vitamin-D-Versorgung des Körpers von zentraler Bedeutung: 80 bis 90 Prozent produziert der Körper unter Sonneneinstrahlung selbt. Kein Wunder, dass Sonnwend – der Tag der stärker werdenden Sonnneneinstrahlung – von unserern Ahnen herbeigesehnt und gefeiert wurde.

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oder im Beitrag Alpenschamanismus

Foto: Monika Frei-Herrmann