Philosophische Gedanken über das Alter: „De senectute“ von Marcus Tullius Cicero

Alle wünschen sich, alt zu werden, doch niemand wünscht sich, alt zu sein. Diese „Binsenweisheit“ ist keine Erkenntnis der modernen Menschheit, sondern sie basiert auf einer mehr als 2000jährigen Erkenntnis.

Es ist der römische Philosoph Cicero, der dies in seiner Schrift „ de senectute“ (über das Alter) feststellt. Alle wünschen, dass sie das Alter erreichen, doch wenn es erreicht ist, klagen sie es an. Die Menschen beschweren sich, dass das Alter zur Untätigkeit führte, dass es die Voraussetzung für ein tätiges Leben raube, dass die körperlichen Kräfte nachlassen und dass die Erwartung des nahenden Todes belastend sei. Diesen verständlichen Ängsten hält Cicero entgegen, dass für denjenigen, der nicht selbst die Voraussetzung dafür habe, gut und glücklich zu leben, jede Altersstufe beschwerlich sei. Wer aber bemüht ist, das Gute bei sich selbst und in sich selbst zu suchen, dem kann nichts schlimm erscheinen, was die Naturnotwendigkeit ihm bringt. Wer in sich selbst gefestigt ist, den kann von außen nichts so sehr erschüttern, dass es ihm den Boden unter den Füßen wegreißt, dass er ins Nichts fällt und er kann auch die Unannehmlichkeiten des Alters ertragen. Denn die Schuld über das Klagen liegt beim Charakter und nicht beim Alter. Alte Leute, die gelassen, nicht mürrisch und nicht ungebildet sind, können das Alter ertragen. Ist der Mensch unfreundlich und schroff, ist er mit sich selbst nicht zufrieden, ist das in jedem Alter beschwerlich. Auch einem jungen Mensch, der mit seinem Leben nicht zufrieden ist, geht es nicht gut. Auch im Alter muss man keineswegs zur Untätigkeit verurteilt sein, sondern, wenn die körperlichen Kräfte nachlassen, gibt es immer noch die verschiedensten geistigen Betätigungsfelder, denen man im eigenen Interesse oder zum Wohle der Allgemeinheit nachgehen und die eigene Lebenserfahrung anderen zugutekommen lassen kann. Man kann sich – je nach den eigenen Fähigkeiten und des Interesses – politisch, künstlerisch oder sozial engagieren. Da der Mensch im Alter von den Arbeiten befreit ist, die körperliche Anstrengung erfordern, ist es wichtig, den Körper zu trainieren, um gesund zu bleiben. Gleichwohl ist das geistige Training ebenso wichtig, denn der Geist erlischt, wenn man ihn nicht versorgt. Der Körper wird durch anstrengende Übungen erschöpft, der Geist aber dadurch, dass man ihn übt, gestärkt. Selbst die Klage, dass das Alter durch die Erwartung des nahenden Todes belastet wird, weiß Cicero zu entkräften. Denn der Tod ist keine Frage des Alters, er kann den Menschen in jedem Alter treffen. Anders, als für junge Menschen, verbreitet der Tod keinen Schrecken, sondern er ist das natürliche Ende eines erfüllten Lebens und verliert seinen Schrecken durch Erwartung eines Weiterlebens der Seele nach dem Tod. Der Glaube an das Weiterleben der Seele nach dem Tod ist kein christliches Gedankengut, sondern hat eine lange philosophische Tradition.

Mit dieser Einstellung gelingt es, das Alter nicht als lästig zu empfinden, sondern es annehmen zu können. Denn die Natur kennt, wie in allen anderen Dingen, so auch im Leben, ein rechtes Maß und sie weiß, wann es Zeit ist, abzutreten. Das Alter ist der letzte Akt eines Theaterstückes, bei dem man das Gefühl des Überdrusses vermeiden muss, zumal wenn ein Gefühl der Sättigung damit verbunden ist. Cicero wünscht seinen Lesern, dass sie zu diesem Alter gelangen, damit sie das, was sie von ihm gelernt haben, durch eigene Erfahrung bestätigen können. Er war 62 Jahre alt, als er diese kleine Schrift verfasste. Er hat sich in ihr selbst mit dem Prozess des Älterwerdens auseinandergesetzt und sozusagen seine eigenen Gedanken und Erfahrungen aufgeschrieben. „De senectute“ wird von den meisten Interpreten zu den besten Werken Ciceros gerechnet. Es wäre schön, wenn seine Botschaft nach mehr als 2000 Jahren auch den Lesern und Leserinnen des 21. Jahrhunderts eine Orientierungshilfe auf der Suche nach einem sinnerfüllten und zufriedenstellenden Leben sein könnte. Es wäre das, was er mit dieser Schrift erstrebte.

Helga Ranis

Foto: Monika Frei-Herrmann