Helfen vor spektakulärer Kulisse

Die Arbeit auf abseits gelegenen Bergbauernhöfen ist ungewohnt, entspannend und bringt einen auf andere Gedanken. Und der Blick von oben lässt einen Dinge anders sehen und hilft Lösungen für manche Situationen zu finden. Möglich wird das bei freiwilligen Arbeitseinsätzen in Südtirol. Eine Selbsterfahrung von Wilfried Katterbach.

Cornelia Lorenz aus der Nähe von Stuttgart steckte in einer Krise. Für ihren Traumberuf hatte die frisch diplomierte Forstwirtin jahrelang gepaukt und sich abgemüht. Dann folgte die Ernüchterung. Ihr einstiger Traumberuf bot der Schwäbin wider Erwarten doch nicht die erwünschte körperliche Arbeit. Die hatte sie während ihres Studiums bei Praktika im Wald kennen und schätzen gelernt. Zu ihrem Leidwesen kam die in ihrem Job so gut wie nicht mehr vor. Sollte das ihre Zukunft sein? Wohl kaum. Da musste sich was ändern. Sie beschloss, dringend über ihr weiteres Leben nachzudenken, am besten kombiniert mit Maloche in einer anderen Umgebung. In St. Leonhard im Passeiertal bei Meran stieß sie auf den Niedersteinhof von Walter Moosmair. Dort in der abgeschiedenen Lage auf 900 Meter Höhe erhoffte sie sich neben Luftveränderung, eine anstrengende Beschäftigung und Inspirationen für ihr weiteres Leben. Solche Auszeiten auf Bergbauernhöfen nehmen sich immer mehr Menschen. Eines der beliebtesten Ziele für arbeitsame Verschnaufpausen ist Südtirol. In der Provinzhauptstadt Bozen vermittelt der Verein Freiwillige Arbeitseinsätze VFA Helfer an Bergbauern, die Unterstützung brauchen – sei es bei der Heuernte, im Stall, im Haushalt oder bei der Betreuung von Kindern und älteren Angehörigen. Seit Gründung der Organisation im Jahr 1997 stieg die Zahl der Freiwilligen von 87 auf 2.366 im vergangenen Jahr. Mit fast drei Vierteln stellen Deutsche das größte Kontingent.

Freier Raum für Eingebungen
Sie kommen aus allen Berufsgruppen, vom hochbezahlten Manager, der in einer Sinnkrise steckt, bis zur OP-Krankenschwester, die den ganzen Tag im grellen Kunstlicht ihren harten Job ausübt und als Ausgleich ihren Jahresurlaub auf einem Bergbauernhof verbringt. Für viele Flachländler sind die landwirtschaftlichen Tätigkeiten zunächst anstrengend. Doch nach einiger Übung geht einem die Arbeit leicht von der Hand ohne viel nachzudenken. Das schafft Denkraum, um seinen Eingebungen freien Lauf zu lassen. Die klare Bergluft vor imposanter Kulisse und die Ruhe tun ein Übriges den Ideenfluss zu fördern oder sich seiner Tätigkeit ganz hinzugeben. Beides funktioniert noch besser, wenn der ansonsten ständig Erreichbare das oft zur Geißel gewordene Handy ausschaltet oder es tagsüber ganz auf dem Zimmer lässt. Wer diesen Mut aufbringt, belohnt sich mit einer fast in Vergessenheit geratenen Möglichkeit zur Entspannung und einer kontemplativen Stille. Und umso mehr gewinnen die Geräusche der Natur die Oberhand. Etwas lauter geht es im Kuhstall des Niedersteinhofes zu. Dort gehört es zu den Aufgaben einer Hilfskraft, die Kuhfladen des Milchviehs mit einer Harke in eine breite Betonrinne zu ziehen. Ein Fließband befördert den Dung dann nach draußen auf den Misthaufen. Diese anfangs anrüchige Arbeit fällt zweimal am Tag an, morgens und nachmittags jeweils um sechs Uhr, immer bevor Walter Moosmairs Vater Johann das Grauvieh melkt. Dafür braucht’s Ruhe und Gelassenheit. Und davon strahlt der Altbauer reichlich aus. Nur so lässt sich Vertrauen aufbauen. Die mächtigen und würdevollen Tiere danken es mit Harmonie und Gleichmut zurück.

Ein Leben in Ruhe und im Einklang mit der Natur
Bevor Johann die Melkmaschine anlegt, melkt er per Hand ein wenig Milch. Sobald die Geräusche der Maschine über den Hof ertönen, eilt Kater Paolo oder Chico herbei. Sie wissen, dass Johann Moosmair sie nie vergisst und die „Handarbeit“-Milch für sie in ein Blechschälchen schüttet. Bei der Fürsorge um das Milchvieh setzt Altbauer Johann neben der weltlich-tierärztlichen Obhut auch auf überirdischen Beistand.
Der sieht im römisch-katholischen Südtirol so aus: Am Stalleingang hängt ein Kreuz mit der Inschrift „SIGNORE BENEDICI QUESTA CASA“ (Der Herr segne dieses Haus) und ein Schälchen mit Weihwasser. Dass das geweihte Wasser im Notfall wirklich hilft, davon ist Johann fest überzeugt. Und: „Es kostet nicht viel“, sagt er lächelnd. Zur Kuhfütterung gehört es, auf dem Boden über dem Stall aus einem fast haushohen Heuhaufen Futter heraus zu harken und durch eine Luke nach unten zu werfen. Der Geruch des trockenen Grases erfüllt die ganze Tenne wie eine Wiese. Doch Vorsicht ist geboten: Das wohlriechende Futter hat so seine Tücken. Seine ätherischen Öle schmeicheln zwar der Nase, machen es aber auch glatt wie Schmierseife. Ähnlich rutschig sind die Steilhänge rings um den Moosmair-Hof. Ohne grobstollige Arbeitsschuhe wird die Heuernte dort für Ungeübte zu einer Hängepartie. Nicht für Bauer Walter. Sicheren Schritts mäht er auf alt-hergebrachte Weise mit der Sense frisches Gras, „ein Leckerbissen für die Tiere“, so der Bauer. Schräg dagegen sehen die Gehversuche manchmal beim ungeübten Helfer aus. Auf der schiefen Ebene sucht er stets nach Standfestigkeit und müht sich gleichzeitig, das geschnittene Gras zusammen zu rechen. Nicht immer klappt die Koordination der dafür notwendigen Bewegungsabläufe, manchmal kommt es zu unfreiwilligen Slapstick-Einlagen. Schließlich schafft der Mitstreiter es dann doch, das gemähte Gras am Fuß des Steilhangs aufzuhäufen. Bauer Walter lobt den Helfer (“Bravissimo!!“), lädt es auf einen Anhänger und bringt es in den Stall, wo sich die Kühe auf das frische Grün freuen.

Der Duft der Gräser und Kräuter
Weit oberhalb des Bergbauernhofs in 2.000 Meter Höhe wachsen auf Wiesen der Familie Almgräser und Kräuter wie Frauenmantel, Rapunzel oder Arnika und Enzian, ohne Mineraldünger und Herbizide. Die Moosmairs ernten diese Almen ab, und füllen mit dem daraus gewonnen Heu Kissen. Sie sollen nicht nur für besseren Schlaf sorgen, sondern auch seelische und körperliche Erschöpfungszustände mildern. Auf jeden Fall füllt der Duft der Gräser und der Kräuter die Werkstatt, in der die Polster für Hotels und Geschäfte hergestellt werden. Auch hier ist Hilfe von Freiwilligen willkommen. Einen wohler riechenden Arbeitsplatz gibt es wohl kaum. Vor einem Bauernhof-Rundgang von Gästen eines nahen Hotels steht Hauswirtschaftsarbeit an. So muss der Gastraum gefegt, geputzt und hergerichtet werden. Die Tische müssen eingedeckt werden, diverse Produkte wie die Heukissen, selbstgebrannter Schnaps oder die von Altbauer Johann liebevoll geschreinerte Holzkästchen ansprechend drapiert werden. Eine echte Herausforderung. Nach dem Rundgang, bei dem Bauer Walter anschaulich und lebhaft den Urlaubsreisenden seinen Hof erklärt, stärken sich die Gäste mit geräuchertem Speck, natürlich von eigenen Schweinen und geselcht in der eigenen Räucherkammer. Den Speck schneidet Walter hauchdünn mit einer Handkurbelmaschine aus Holz. Es ist ein Genuss das Gerät anzusehen, es zu berühren und zu betätigen. Ein Meisterstück vollendeter und nachhaltiger Handwerkskunst, das die Sinne anspricht. Für Caroline Lorenz stellte sich die Entscheidung, die Denkpause auf dem Niedersteinhof einzulegen, als Glücksgriff heraus. Ihr Aufenthalt, den sie im Mai 2012 antrat, dauert bis heute an. Denn ihr Leben nahm auf dem Südtiroler Bergbauernhof eine entscheidende Wende: Die Schwäbin heiratete Walter Moosmair, die beiden wurden stolze Eltern zweier Kinder und sind’s umgeben von Zweieinhalbtausendern zufrieden. Auch oder gerade wegen der vielen Arbeit.

Verein Freiwillige Arbeitseinsätze

Der „Verein Freiwillige Arbeitseinsätze“ (VFA), setzt sich für Bergbauernfamilien ein, die ihre Heimat unter schwierigen Bedingungen bewirtschaften. Diese Familien brauchen freiwillige Helfer, um Bergbauern bei der Ernte, im Haushalt, bei der Betreuung von Kindern sowie älteren und behinderten Menschen zu helfen und zu unterstützen. Die freiwilligen Helfer ermöglichen den Bauernfamilien, weiterhin auf ihren Höfen arbeiten und leben zu können. Den Helfern hingegen erschließt sich eine unvermutete Welt, in der harte körperliche Arbeit, der Dienst am Nächsten und ein Leben in Ruhe und im Einklang mit der Natur tiefe Zufriedenheit und Freude hinterlassen.

www.bergbauernhilfe.it

Der Autor:
Wilfried Katterbach arbeitete lange Zeit bei Wirtschaftsmagazinen. Seinen Ruhestand nutzt der in Brühl ansässige Autor dazu, seinen journalistischen Träumen nachzugehen. Schon lange wollte Wilfried Katterbach freiwilligen  Dienst bei einem Bergbauern leisten. Nun hat er sich diesen Wunsch erfüllt und ist dabei nicht enttäuscht worden.

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Quelle-Foto: Archiv bergbauernhilfe.it