Die Entdeckung der Langsamkeit: Die Badeanstalt in Chieming

Nicht einmal jeder fünfte Bundesbürger kennt den Chiemsee und noch viel weniger Menschen kennen den kleinen Ort Chieming am östlichen Ufer des bayerischen Meers. Und das ist auch gut so, denn dieser Winkel hat sich charmante Züge einer Sommerfrische  bewahrt. Zum Beispiel das Strandbad. In den 1920er Jahren des letzten Jahrhunderts gegründet, lässt sich hier den schon damals als gesundheitsförderlich geltenden Elementen Wasser, Licht und Luft frönen. Weitläufige Liegewiesen mit schattigen Bäumen laden zum Sonnenbad ohne Reue. Dazu kommt das Wasser, das – je nach Windrichtung – ganz unterschiedliche Qualitäten zeigt. In einer Festschrift des Strandbads ist zu lesen: “Sehr verlässlich ist der Ostwind mit seinen Auswirkungen – so ist meist schönes Wetter, wenn der Wind aus dieser Richtung bläst…Der Ostwind bringt häufig auch eine etwas kältere Wassertemperatur mit sich, da das warme Wasser auf der Oberfläche vom Ufer weggetrieben wird. Und nicht nur das Wasser bläst der Ostwind hinaus, sondern auch Luftmatrazen, Gummitiere und ähnliche leichte Badebegleiter…Mit ein wenig Glück kommen die verwehten Stücke auch wieder zurück. Man muss dann nur auf Westwind hoffen. Im Strandbad bedeutet diese Windrichtung aber, dass bei Hochwasser viel Unrat angespült wird.”

In der liebevoll gestalteten Broschüre haben treue Badegäste ihren Erlebnissen im Strandbad Ausdruck verliehen. Darunter befinden sich auch bekannte Autoren wie Sten Nadolny (“Die Entdeckung der Langsamkeit”) oder die leitende Redakteurin der Süddeutschen Zeitung Evelyn Roll, beide mit Wohnsitz in Berlin und in Chieming. Stellt sich die Frage, ob sie auch in der Bundeshauptstadt von der wunderbaren Badeanstalt erzählen oder diese doch als ihren geheimen Rückzugsort  schützen. Dieses Jahr feiert das Betreiber-Ehepaar Heimbucher 25jähriges Jubiläum. Bleibt zu wünschen, dass die Badeanstalt irgendwann wie seit fast hundert Jahren an die nächste Generation der Strandbad-Familie weiter geht.

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